Pascale Hugues: So voller Leben. Über meine Mutter. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Rowohlt-Verlag Hamburg 2026.
Eine Tochter schreibt nach vielen Jahren – und vielen anderen Büchern – über das Leben mit ihrer Mutter. Die Tochter ist die Journalistin und Autorin Pascale Hugues Sie ist Berlin-Korrespondentin französischer Tageszeitungen und und seit langem in Berlin zu Hause. Aufgewachsen ist sie im Elsaß in einer Familie, in der sich die Verbindungen und Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland kreuzen und diejenigen, die dort zu Hause sind, über 100 Jahre unter Spannung setzen. Darüber hat Pascale Hugues vor Jahren ihr bekanntestes Buch geschrieben: Marthe und Mathilde, die beiden elsässischen Großmütter, seit frühester Jugend befreundet, die beide hundert Jahre alt werden sollten in großer Tapferkeit und Souveränität – mit einem Modewort: in außergewöhnlicher Resilienz.
Die Mutter steht weniger fest im Leben – und die Tochter grübelt immer wieder, warum. War es die Folge eines angepassten Lebens, das über die traditionellen Erwartungen hinaus zu Abitur und Literaturstudium führt? Waren es späte Folgen der Kindheit im Krieg – im deutsch besetzten Colmar, in dem nicht mehr Französisch gesprochen werden durfte? Oder gab die ältere Generation, die schwierigen Umständen standhielt, die seelische Last weiter?
Als Kinder sollten sie möglichst wenig beeinträchtigt sein, das war der Mutter selbst – und der ganzen Familie wichtig. Für die verfärbten Handgelenke, die starken Stimmungsschwankungen, die plötzlichen und langen Abwesenheiten der Mutter finden sich schützende Erklärungen. Wenn die Mutter für die Kinder ausfällt, sind die beiden Großmütter zur Stelle. Sie organisieren den Familienalltag und sorgen für Sicherheit und Stabilität.
Als sie achtzehn wird, sucht die Tochter den Psychiater der Mutter auf und erkennt das Ausmaß des verborgenen Leidens. Sie wird konfrontiert mit einer niederschmetternden Diagnose einer schweren psychischen Erkrankung. Auch diese Diagnose verstellt etwas: die Lebendigkeit der Mutter, ihr Aufbegehren gegen bürgerliche Traditionen, den Feminismus, der sie „schweben“ lässt, ihr später Besuch im deutschen Wendland, in dem Straßburger Konventionen ganz weit weg sind.
Ein klares, abgeklärtes Buch über eine Kindheit und Jugend mit einer seelisch kranken Mutter. Es kommt ohne Vorwürfe aus, auch ohne Verallgemeinerungen. Vielleicht konnte es erst aus sicherem Abstand geschrieben werden – und nachdem die die Familie tragenden Großmütter ins Licht gerückt worden waren.
Mich hat das Buch angesprochen, weil auch in meinem Leben meine Großmutter eine tragende Rolle übernommen hat, als meine Mutter noch in meiner Jugend starb. Auch das Fragen nach dem Warum und die spätere Spurensuche sind mir vertraut. Pascale Hugues erzählt sehr anschaulich und unaufdringlich von schweren Zeiten und von dem, was sie hindurch trägt.


