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Sozial- und Milieudaten – für Taten!

Wie Sie Sozial- und Milieudaten in der Kirchengemeinde nutzen können: Online-Seminarreihe ab 7. Oktober 2026

Lesezeit 8 min

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1. Daten für Taten?

Seit vielen Jahren nutzen Kirchenleitungen Milieudaten, um die Präsenz der Kirchen in der Gesellschaft zu messen. So ist bekannt, in welchen Milieus die Kirche noch eine Rolle spielt – und in welchen nicht. Inzwischen können diese Daten auch auf der Ortsebene genutzt werden. Gleiches gilt für Daten über die soziale Lage der Bevölkerung, die in vielen Kommunen in Sozialberichten aufbereitet werden. Kommunen wollen damit ihre kommunale Planung verbessern. Gleiches könnten auch Kirchengemeinden tun. Der Aufwand für die einzelne Gemeinde ist hoch – hier eine Einladung, sich dafür zusammenzutun.

2. Lebenslagen und Lebensstile

Länder und Kommunen erarbeiten seit Jahren an immer genaueren statistischen Daten über die soziale und ökonomische Situation der Bevölkerung. Aus der amtlichen Statistik ist die demographischen Situation, der Familienstand, die Erwerbs- und Einkommensverhältnisse, die Größe und Ausstattung von Wohnungen, die Zu- und Abwanderung und vieles mehr abzulesen und zusammen zu tragen. Diese Daten bilden die Grundlage u.a. für die Stadt- und Regionalplanung. Zu den Planungsaktivitäten der Kommunen gehört auch die Sozialplanung, die eine Renaissance erlebt, nachdem in den vergangenen Jahrzehnten auf den Markt als Koordinationsinstrument gesetzt wurde. So erarbeiten Länder und Kommunen nicht nur Sozialberichte, in denen die Zahl der Kinder mit der der Kindertageseinrichtungen in Beziehung gesetzt wird usw. Sondern sie setzten sich auch Ziele, die sie mit lokalen privaten und sozialen Akteuren erreichen wollen.

3. Milieus und kulturelles Kapital

Die Analyse sozialer Milieus gewinnt über Marketing-Strategien hinaus eine gesellschaftskritische Dimension, wenn man sie mit der soziologischen Theorie Pierre Bourdieus verbindet. Michael Vester und seine Forschungsgruppe an der Universität Hannover haben diese Verbindung hergestellt. Nach Bourdieu ist das gesellschaftliche Zusammenleben dadurch geprägt, dass Menschen in ihren primären Lebenszusammenhängen Verhaltensweisen und Einstellungen übernehmen, die ihre Handlungsmöglichkeiten im weiteren Leben bestimmen. Der früh im Leben erlernte „Habitus“ bestimmt, welche Türen sich im weiteren Leben öffnen oder schließen, d.h. welcher Bildungsstand, welche Geschäftsbeziehungen, welche gesellschaftliche Rolle erreicht wird. Letzteres wird seit Bourdieu als soziales bzw. kulturelles Kapital bezeichnet. Es handelt sich bei diesem Kapital nicht um eine monetäre Größe, sondern um um ein immaterielles Vermögen, das die ökonomische Situation und gesellschaftliche Position stark beeinflußt. Wenn man die Sinus-Milieus mit der Habitus-Theorie verbindet, wird deutlich, dass sie unterschiedliche ökonomische Positionen, Interessen und Chancen repräsentieren.
Kirchengemeinden werden diese gesellschaftskritische Dimension entsprechend der Botschaft des Evangeliums einbeziehen müssen, wenn sie Sinus-Milieu-Daten für ihre Arbeit nutzen. Eine erste Konsequenz besteht sicherlich darin, ihre Verankerung in traditionellen und ökonomisch (noch) privilegierten Milieus zu reflektieren.

4. Mikro-Milieus als Arbeitsinstrument für Kommune und Kirchengemeinde

Seit einigen Jahren gibt es die Sinus-Milieus nicht nur im Großen und Ganzen sondern als lokale Mikro-Milieus. Wenn man die entsprechende Datenaufbereitung erwirbt, kann man die auf dem Stadt- oder Gemeindeplan nach den unterschiedlichen Milieus suchen. Dass sich die Milieus auch lokal differenzieren, verwundert nicht. Auch in Wohngebieten gilt der Grundsatz „gleich und gleich gesellt sich gern. Jedenfalls gilt das für die Haushalte mit höherem Einkommen, die mehr oder weniger wählen können, wo sie gerne wohnen. Die Nachrichten von der „Gentrifizierung“ von Stadtvierteln besagen ja nichts anderes, als dass sich kaufkräftige Haushalte, die vermutlich auch verwandten Milieus angehören, in einem Quartier sammeln, das sie für sich entdeckt haben. Dass man die entsprechenden Prozesse statistisch bis auf die enge Nachbarschaft darstellen kann, ist natürlich nicht trivial. Und die Frage, wie aussagekräftig die Daten in gemischten Quartieren sind.
Kommunen und Kirchengemeinden ist gemeinsam, dass sie nicht Produkte und Dienstleistungen verkaufen wollen, sondern Menschen an der Erbringung öffentlicher Dienstleistungen beteiligen und sie dafür informieren und erreichen wollen wollen. Die Mikro-Milieus sind also nützlich, um den „richtigen Ton zu treffen“ in der Kommunikation, in der Gestaltung von Treffpunkten, Elternbeteiligung, Stadtranderholung , von Bildungs- und Präventionsangeboten, Bürgerbeteiligung u.v.m. Eine wesentliche Voraussetzung für die sinnvolle Datennutzung ist ein Vorhaben, für das man sich klare, erreichbare Ziele setzt.

5. Was sagt die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung?

Für die Kirchengemeinde stellt sich die Frage, ob sie primär als sozialer Akteur antritt, der sich fürs gesellschaftliche Zusammenleben einsetzt oder die eigene religiöse Programmatik verwirklichen will. Für die Klärung dieser Fragen ist die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (2023) hilfreich. Sie kann davor bewahren, bestehende kirchliche Angebote im Kommunikationsstil oberflächlich anzupassen, in der Hoffnung, für ein bisher nicht erreichtes Milieu attraktiv zu werden. Eher wird es darum gehen, Beteiligungsformate zu erproben, mit denen Menschen in einem Wohngebiet oder Anrainer eines zentralen Platzes gemeinsame Ziele und Aktivitäten entwickelt, die aus kirchlicher Sicht sinnvoll sind. Die Kirchengemeinde ist also primär sozialer Akteur, der allerdings die eigenen Aktivitäten und Prioritäten theologisch reflektiert und natürlich auch die eigene religiöse Sprache zur Verfügung stellt, wenn es passend erscheint. Wer immer mit einer Kirchengemeinde etwas unternimmt, geht davon aus, dass sie dem gemeinsamen Handeln einen besonderen Sinn zuschreibt. Aber die Übernahme dieser Perspektive ist etwas Besonderes, dass sich weder aus einem veränderten Kommunikationsstil noch aus gemeinsamen Aktivitäten ergibt.
In der Praxis dürften sich kommunale und kirchliche milieubezogene Aktivitäten in vielem ähneln, insbesondere auch darin, dass die Zielsetzung nicht einfach in der Erreichung dieses oder jenes Milieu bestehen kann. Vielmehr braucht es ein Ziel, das vermutlich in der Verbesserung der lokalen Lebensverhältnisse und des kulturellen Lebens bestehen wird, oft auch spezifischer in konkreten Verbesserungen z.B. für Jugendliche in einem Wohngebiet. Dass die Kirchengemeinde dabei einen eigenen Standpunkt bezieht, muss nicht betont werden./

6. Milieuverengung als kirchliches Problem

Milieudaten auf der Ortsebene sind auch dazu geeignet, sich mit der viel beschriebenen Milieuverengung in Kirchengemeinden konkret auseinanderzusetzen. Hier geht es nicht darum, Menschen in anderen Milieus etwas Gutes zu tun, sondern sich die eigenen Gewohnheiten vor Augen zu führen, sich ggf. mehr Freiheit herauszunehmen und sich für Alternative zu interessieren. Die Gewohnheiten haben häufig die Struktur von Erwartungen von Erwartungen. Ich erwarte, dass alle von mir erwarten, dass ich x tue – und verhalte mich daraufhin mehr oder weniger konform. In Kirchengemeinden wird viel darüber gesprochen, dass diese oder jene Sitte für bestimmte Gruppen sehr bedeutsam ist, weshalb unbedingt daran festzuhalten sei – gewissermaßen aus Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer. Es ist sicherlich eine gute Idee, sich über die Bedürfnisse seines Umfeldes Gedanken zu machen. Allerdings hilft es wenig, bei Vermutungen stehen zu bleiben. Vielmehr lohnt es sich nachzufragen, also das eigene Milieu und seine Veränderungen kennenzulernen.
Ein erster praktischer Schritt ist der „Selbst-Test“, den das Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt online anbietet: Welchem Milieu gehöre ich, gehören wir eigentlich an? Bin ich, sind wir fest in einem Milieu verankert oder gibt es zwei „Seelen in meiner Brust“? https://fgz-risc-data.de/interaktive-tools/milieu-rechner/
Auf dieser Grundlage kann man sich in den verschiedenen Gruppen einer Gemeinde überlegen, was für eine Gemeinde wir sind und sein wollen. Damit hat man natürlich noch nicht die Gemeinde-Mitglieder einbezogen, die sich nicht am gemeindlichen Leben beteiligen. Hierfür könnte man die Mikro-Milieus heranziehen. Allerdings muss man die entsprechenden Daten kaufen. Damit würde man „einen Blick von außen“ auf die eigene Mitgliedschaft werfen. Was würde man aus diesem „Blick von außen“ lernen? Vermutlich wäre eine veränderte Kommunikation (s.o.) ein wichtiger Punkt.
Doch es gibt noch einen anderen Weg, der weniger aufwändig ist: Es gibt inzwischen Online-Befragungsinstrumente, bei der die Befragten eine E-Mail mit einem Zugangslink erhalten, die Befragung an ihrem Smartphone oder PC beantworten – und die Befragungsdaten werden „automatisch“ an einem Ort zusammenfasst, den die Befragenden einsehen können. Natürlich wird man nicht nach Milieus fragen, sondern sehr viel konkreter nach den Erwartungen, den die Mitglieder an die Gemeinde haben. Der Fragebogen sollte durchdacht und knapp sein. In vielen Gemeinden ist er vielleicht die erste Gelegenheit, bei der die Mitglieder nach ihren Erwartungen gefragt werden. Viele werden mit diesem Instrument gut umgehen können, weil sie es gewohnt sind, von Reiseanbietern, Mobilfunkunternehmen, Bibliotheken, Arztpraxen und vielen anderen Stellen befragt zu werden. Vielleicht muss es bei der Befragung auch etwas zu gewinnen geben. Vor allem aber muss man sich vorher überlegen, was man mit den Antworten macht.

7. Was andere können, können auch Kirchengemeinden… 🙂

An vielen Stellen unserer Gesellschaft werden Daten genutzt, um Zusammenhänge besser zu verstehen und Menschen zu erreichen, die man niemals persönlich ansprechen könnte. In der Kirche ist es bislang eher üblich, von einzelnen Begegnungen und Episoden zu leben: Die alte Dame an der Kirchentür, der Kommentar des Konfirmanden, das unerwartete Gespräch auf dem Supermarkt-Parkplatz. Diese Geschichten prägen sich ein, motivieren, können aber nicht verallgemeinert werden. Sie können nicht das Nachfragen ersetzen, die systematische Auseinandersetzung mit Lebenslagen und Lebensphasen. Dafür braucht es Daten und Frage-Instrumente, wie sie Kommunen oder Gewerbetreibende routinemäßig nutzen nutzen. Leitende in Kirchengemeinden können das auch.

8. Gemeinsam geht’s leichter…

Die Routinen des Gemeindealltags sind stark – und hoch sind auch die Erwartungen der Menschen, die in ihrer Gemeinde persönlich präsent sind. So kommt man vielerorts über einen kurzen hilflosen Blick in die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 2023) nicht hinaus. Das neue Zweite Kirchenemeindebarometer (2024) des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD ist auf der Gemeinde-Ebene praktisch unbekannt. Auch die Auseinandersetzung mit den Daten seiner Kommune ist nicht jedem in die Wiege gelegt.

9. Daten für Taten: Online-Seminar für Einsteiger:innen

Das online-Seminar findet an fünf aufeinanderfolgenden Terminen jeweils am ersten Mittwoch im Monat 17:00 – 18.30 statt. Bei jedem Termin führt ein/e Expert:in mit Praxisbeispielen in eines der Themen dieses Blog-Beitrags ein, anschließend wird an Fragen und Konkretionen gearbeitet. Am 7. Oktober 2026 beginnt die Reihe mit einer Einführung in de Sozialraum-Analyse für Einsteiger aus dem Bereich der Kirchengemeinde! Es geht darum, wie Kirchengemeinde die verfügbaren Daten für sich nutzen können. Sie können sich über den Button unten direkt anmelden.

Zum Weiterforschen:


Sozialdaten, d.h. Daten über die Lebenslagen der Bevölkerung werden von den Ländern und/oder Kommunen im Rahmen ihrer Sozialberichterstattung zusammengetragen. Vorhandene Auswertungen sind in der Regel bei der Kommune zu bekommen. Das Gespräch mit dem Sozialdezernat und manchmal auch der Statistik-Abteilung lohnt sich.
Milieudaten werden seit Jahrzehnten vom Sinus-Institut erhoben und Kunden aus unterschiedlichen Branchen zur Verfügung gestellt. Manche Landeskirchen beziehen eine Sonderauswertung. Mit dem Milieu-Konzept arbeiten aber auch wissenschaftliche Einrichtungen, wie die von Michael Vester begründete Arbeitsgruppe an der Universität Hannover.
Um zu erfahren, welchem Milieu man selbst angehört, kann man eine Art Selbsttest beim Forschungsinstitut für gesellschaftlichen Zusammenhalt machen.
Zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2023, für die auch katholische und freikirchliche Christen sowie Menschen mit anderem oder ohne religiösen Hintergrund befragt wurden, gibt es die Website kmu.ekd.de mit reichhaltigem Material.
Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD hat für ihr zweites Kirchengemeindebarometer (2024) Kirchenvorstände und Pfarrer:innen befragt. Die umfangreiche Studie ist online als open access zugänglich.