Einleitung
Die zweite Befragung von Gemeindeleitungen und Pfarrer:innen zeigt große Unterschiede zwischen den Gemeinden. Ehrenamtliche tragen eine große Last und stehen vor persönlichen und gemeindestrategischen Entscheidungen.
Zweites Kirchengemeindebarometer
Die Gemeinde ist ist die Stelle in den evangelischen Kirchen, mit der sich ihre aktiven Mitglieder identifizieren – mehr als mit der Landeskirche oder der Evangelischen Kirche in Deutschland. Erst seit 2013 wird empirisch untersucht, wie es der Kirchengemeinde eigentlich geht. 2024 ist das zweite Kirchengemeindebarometer erschienen mit Daten, die zu Beginn der Corona-Pandemie (März 2020) erhoben worden waren. Befragt wurden zehn Prozent der örtlichen Kirchengemeinden, der Freikirchen, aber auch andere Formen christlicher Gemeinschaften. Die Fragebögen gingen an die Gemeindekirchenräte und die Pfarrer:innen. Haupt- und Ehrenamtliche wurden zu ihrer eigenen Arbeit, der Organisation des Gemeindelebens befragt – und wie zufrieden sie mit den unterschiedlichen Aktivitäten und Angeboten sind.
Schwerpunkte der Studie bildeten natürlich die unterschiedlichen Formen der Gemeindearbeit (S. 137 ff.) und der Sozialraum, in dem die Gemeinden tätig sind (S.117 ff). Praktisch alle Gemeinden pflegen Kontakte zu anderen Einrichtungen im Sozialraum, zu anderen Gemeinden und auch anderen Religionsgemeinschaften.
Evangelische Gemeinden sind sehr unterschiedlich in ihrer Größe, ihren Aktivitäten und der Resonanz, die sie in ihrem Umfeld finden. Ländliche Gemeinde unterscheiden sich von Gemeinden in der Stadt, Großstadt oder Metropole. Im Kirchengemeindebarometer werden zehn Typen von Gemeinden beschrieben (S. 167 ff.). Dafür werden die Lage der Gemeinde in Stadt oder Land („Siedlungstyp“) mit den Einschätzungen der dort tätigen Pfarrer:innen und Gemeindekirchenräte verbunden wird.
Das Spektrum reicht von der „rundherum zufriedenen (sub)urbanen Kirchengemeinde“ bis zur „ländlichen Gemeinde im freien Fall“. Es wird ein Stadt-Land-Gefälle beobachtet, aber erwartungsgemäß geht es nicht allen städtischen Gemeinden gut – und nicht allen ländlichen Gemeinden schlecht.
Bei den Ressourcen der Gemeinden wird unterschieden zwischen finanziellen Ressourcen, Personalressourcen und Gebäuden. Für die Finanzsituation der Gemeinden sind die pro-Kopf-Zuweisungen aus Kirchensteuermitteln der wichtigste Faktor, hinzu kommen Spendenmittel und Erträge aus Vermögen, z.B. Mieten. Insgesamt zeichnet das Kirchengemeindebarometer für die Zeit vor der Corona-Pandemie ein noch stabile finanzielle Situation, bei großen Unterschiede zwischen den Gemeinden. Ähnliches gilt für das hauptberufliche Personal, das sich ebenfalls vor allem aus landeskirchlichen Pro-Kopf-Zuweisungen ergibt. Die kirchlichen Gebäude, sehr oft Kirche und Gemeindehaus, werden häufig von anderen christlichen Gemeinden und weiteren Organisationen mitgenutzt. In der Studie spielen die Gebäude, über deren Unterhalt sich viele Gemeindekirchenräte den Kopf zerbrechen eine untergeordnete Rolle. Auf 200 Gemeindemitglieder kommt im Durchschnitt eine hauptberufliche Kraft – über die Berufsgruppen von der Pfarrperson bis zum Sekretariat hinweg.
4 von 100 Gemeindemitgliedern engagieren sich in der einen oder anderen Weise ehrenamtlich in der Gemeinde. 2020 sieht die Mehrzahl der befragten Pfarrer:innen und Gemeindekirchenräte beim freiwilligen Engagement stabile Verhältnisse. Allerdings wird von Schwierigkeiten berichtet, Ehrenamtliche für die Leitung der Gemeinde zu gewinnen, und auf den hohen formalen und verwalterischen Aufwand verwiesen.
Das Kirchengemeindebarometer ist Grundlage weiterer wissenschaftlicher Forschung. Noch wichtiger ist aber, dass es in den Gemeinden wahrgenommen und für die eigene Planung und Strategie angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen und finanzieller wie personeller Ressource genutzt wird.
Weiterführende Links & Quellen
Hier die Pressemitteilung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zur Veröffentlichung der Untersuchung: https://www.siekd.de/gemeinde-am-limit-ergebnisse-des-zweiten-kirchengemeindebarometers/
Auf der Tonspur: Im Podcast „Empirisch inspiriert“ des SI der EKD wird über die Ergebnisse der Studie gesprochen: https://www.podcast.de/podcast/3648761/empirisch-inspiriert
Die gesamte Studie ist beim Nomos-Verlag erschienen und als pdf kostenfrei zugänglich.
https://www.nomos-shop.de/de/p/herausforderungen-und-potenziale-vor-ort-gr-978-3-7560-1900-7


