Postkoloniale Perspektive – am Horizont die Klimakatastrophe
In den letzten 500 Jahrhundert hat, was Europa kam, die Welt dominiert. Der indische Historiker und Philosoph Dipesh Chakrabarty hat diese Epoche aus der Perspektive der unterworfenen Kulturen untersucht. In den Walter-Benjamin-Vorlesungen hält er Rückblick auf seine Forschungen und bezieht den Klimawandel als Naturfolge kapitalistischen Wirtschaften und Herrschen mit ein. Eine sanfte Stimme mit tiefgreifender Kritik an Wirtschaftsform und Lebensstil. Die aktuelle Mahnung: Europe muss sich als begrenzter Raum neu erfinden.
1. Provincializing Europe
So lautet der Titel einer im Jahr 2000 erschienenen Aufsatzsammlung von Chakrabarty. Darin geht es darum, Europas Platz in der Welt neu zu bestimmen. 500 Jahre lang kamen die Maße und Standards, der Welthandel und das Finanzsystem, die Wissenschaft und der feine Lebensstil aus Europa. In diesen 500 Jahren wurden Menschen auf der ganzen Welt von einem Wirtschaftssystem erfasst, enteignet und aus ihren sozialen und kulturellen Zusammenhängen herausgerissen. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftsform ist der Kapitalismus ohne greifbare Alternative. So durchdringt diese gigantische „Maschine“ praktisch unbegrenzt jeden Winkel der bewohnten Welt und zieht auch Pflanzen und Tiere und andere natürliche Ressourcen in einen riesigen Verwertungskreislauf. Dass die natürlichen Ressourcen erschöpfen könnten, ist weder den sozialistischen Theoretikern noch den kapitalistischen Managern einen ernsthaften Gedanken wert, obwohl es seit 1970er Jahren allgemein bekannt ist.
Nun muss es darum gehen, Europa einen Platz in der Welt zuzuweisen, der, von früherer Dominanz befreit, wichtige Errungenschaften festzuhalten und zur Geltung zu bringen.
2. Politische und natürliche Zeit
Für Chakrabarty trennen die Größen des 19. und 20. Jahrhundert die politische Entwicklung, die sie gestalten wollen, strikt von der Entwicklung in Natur und Klima, die die Politik verursacht. Die Versprechungen des Kapitalismus wie der sozialistischen Bewegungen bewegen sich in einem Kosmos, in dem es keine natürlichen Grenzen gibt. Die Grenzenlosigkeit ist fassbar im Kolonialismus, der aus Menschen unterschiedlichster Tradition Arbeitskräfte macht, die wirkungsvoll von ihren kulturellen Ressourcen getrennt, entwurzelt werden. Auch in sozialistischer Perspektive ist das revolutionäre Subjekt ein universeller Arbeiter oder Bauer, der sich erhebt. Dass die Menschen, denen die Rolle von Arbeitskräften und Konsumenten oder von revolutionären Subjekten zugedacht wird, in anderen kulturellen und politischen Zeiten verankert sind, wird übersehen. Auch ihre untergeordnete Rolle im globalen Kapitalismus wird geflissentlich vernachlässigt. Diesen ersten blinden Fleck hat die post-koloniale Geschichtsschreibung deutlich verkleinert.
Die Blindheit für die Naturzerstörung nimmt langsam, zu langsam ab, seitdem die Folgen, die Zerstörung der Biodiversität und die Klimakatastrophe auch in den Ländern des Norden spürbar wird. Aber damit ist noch der Motor der Zerstörung angehalten. Um die planetarischen Grenzen zu respektieren, müssen nun Kräfte aus allen Teilen der Welt zusammenwirken. Die bedrohliche Zukunft zwingt zu einer Zusammenarbeit, die trotz internationaler Abkommen in den letzten Jahren rückläufig ist und unanschaulich wird.
3. Identität und Identitätspolitik
Aus kolonialer Perspektive misst man den Menschen am Europäer. Diese im Rückblick unfassbare Grobheit und Grausamkeit bringt nach wie vor Intellektuelle aus vielen Kontexten zur Verzweiflung. Sie haben sich auf ihrem Bildungsweg selbst „europäischen“ Maßstäben unterwerfen, meistern die damit verbundenen Anforderung brilliant, ohne doch uneingeschränkte Anerkennung zu erlangen – weder von den „eingeborenen Europäern“ noch in den Kulturen, in denen sie aufgebrochen waren. Auf der einen Seite rassistische Abwertung, auf der anderen Seite der Vorwurf, die Europäer doch nur „nachzuäffen“.
Ein vordergründiger Multikulturalismus, in dem man sich selbst und wechselseitig feste konträre Identitäten zuschreibt, hilft nicht weiter, weil es diese Identitäten nicht gibt und künstliche Gegensätze zu populistischen Grenzziehungen führen. Die Alternative besteht darin, zu differenzieren, ohne festzuschreiben, wie es eine post-kolonial aufgeklärte Geschichtsschreibung leisten kann.
4. Dipesh Chakrabarty und die Walter-Benjamin-Lectures
Zu den dreitägigen Walter-Benjamin-Lectures lädt das Center for Social Critique an der Humboldt-Unversität zu Berlin Philosophen und Sozialwissenschaftler ein, die „kritische Theorie “ treiben – in weitläufiger Fortführung der Tradition der „Frankfurter Schule“. Der Namensgeber der Vorlesungsreihe Walter Benjamin, der sich auf der Flucht vor der Verfolgung durch das Nationalsozialistische Deutschland 1940 das Leben nahm, war kein akademischer Forscher, sondern ein Intellektueller, der mit seinen „Geschichtsphilosophischen Thesen“ weit in die Philosophie und politische Theorie hinwirkt. Dipesh Chakrabarty hat es als historischer Denker leicht, den Faden Walter Benjamins aufzunehmen. Er verbindet den Horizont des großen Gelehrten mit dem Sinn für politisches Handeln, das auf Emanzipation aus ist, aber nicht entwurzeln will.





