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Yoga oder Die sanfte Eroberung des Westens durch den Osten

Ein wunderbares Buch über die Hintergründe des globalen Yoga

Lesezeit 4 min


Stefan Weidner ist ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Der langjährige Leiter des Goethe-Instituts in Kairo, heute freier Autor in Köln, ist ein Kenner der arabischen Literatur und Kultur und spannt die Bogen zwischen Ost und West inzwischen noch weiter. Ihn treibt die Sorge um, dass der Westen das Verständnis für den Osten völlig verliert, getrieben von Feindbildern religiös und kulturell fremder, auch bedrohlicher Welten. In seinem jüngsten Buch (Hanser Verlag, München 2025) holt er viele Menschen im Westen bei ihrer persönlichen Verbindung in den Osten ab.
Angeblich praktizieren in Deutschland und den USA fast 20 Prozent der achtzehn- bis vierzigjährigen Yoga. Die meisten von ihnen praktizieren Asanas, also die Körperübungen und versprechen sich schon davon innere Ruhe und Gesundheit. So scheint es eine sanfte Eroberung des Westens zu geben, die die bekannten kulturellen Konfliktlinien unterläuft.
Die Verbreitung des Yoga im Westen hat viel mit der kulturellen Überwindung der Kolonialherrschaft und einem engen eurozentrischen Weltbild zu tun, die bei intellektuellen in Europa Anklang fand. Eine welt-verbindende Mystik jenseits der offiziellen religiösen Überlieferungen war auch in Berlin und Chicago attraktiv und die uralten Yoga-Sutren ein wunderbarer Anknüpfungspunkt. Dieser Verbindung zwischen östlicher Weisheit und moderner westlicher Philosophie (Schopenhauer und Nietzsche) in den Jahrzehnten vor und nach 1900 war ein ähnlich weiter Horizont in der islamischen Welt ungefähr eintausend Jahre früher vorausgegangen. Weidner führt uns hier über Istanbul nach Chorasan, einem historischen Zentrum im heutigen Grenzgebiet zwischen Iran, Afghanistan und Turkmenistan. Von dort aus war Indien für große Gelehrte kulturell erreichbar – und Weidner kann hier die Verflechtungen der islamischen und der indischen Kulturen aufzeigen, in denen große Geister einen universalen Horizont aufspannen konnten, während sich der christliche Westen gegenüber dem Osten verschloss.
Die um 1900 im Westen beginnende Yoga-Rezeption hat wenig mit modernen Yoga-Studios zu tun. Der große Vermittler Vivekananda, Träger der Ramakrishna-Mission, ist Wanderprediger und moderner Reformer. Als er 1893 beim „Weltparlament der Religionen“ spricht, geht es ihm nicht um eine neue Form individueller Körperkultur. Vielmehr bietet er die alten religiösen Traditionen Indiens als den größeren spirituellen Horizont an, in den sich die westlichen religiösen und kulturellen Traditionen wieder einfinden könnten.
Aber wie konnten dann körperliche Übungen zum Inbegriff westlichen Yogas werden? Die Übungen und extremen Körperstellungen gehören in einen anderen kulturellen Strom, der schon antiken Autoren in Indien aufgefallen war: Menschen, die sich öffentlich mit ihrer körperlichen Askese zeigen und bewundert wie randständig ein Leben außerhalb des Kastenwesens in Armut und äußerster Askese leben. Weidner zieht eine Linie von den Yogis zu den Fakiren und Derwischen in den islamischen Kulturen und auch zu christlichen Eremiten und Mönchen. In der intellektuellen Yoga-Reform um 1900 wurde dieser Teil der Volkskultur kritisch gesehen. Das körperliche Hatha-Yoga, das die Reformer zum Teil gar nicht praktizierten, wurde als Vorübung für den „Königsweg“ (Raja-Yoga), die den Geist befreiende Meditation, angesehen. Das Ziel sollte nicht körperliche Fitness sein, sondern die Fähigkeit, länger und tiefer zu meditieren. Doch, wie Weidner schreibt: „Beides war Yoga! Angesichts dessen kam es jetzt zu einem Kurzschluss, einer Synergie, ohne die wir nicht verstehen würden, warum heute überall in der Welt Millionen von Menschen Hatha-Yoga praktizieren, das Stellungs-Yoga der seit der Kolonialzeit verachteten Fakire und Landstreicher.“ (366) Das hohe Ansehen des Raja-Yoga sei auf die spektakulären Körperübungen übertragen worden – in einer Zeit, in der im Westen wie auch in Indien die körperliche Gesundheit entdeckt und verstanden wurde. “ Körper-Yoga hat den Westen herausgefordert, wie Raja-Yoga es nie tat “ (371), schreibt Weidner und verweist auf die Bildmedien, die mit Bildern außergewöhnlicher Stellungen gewissermaßen zur Nachahmung reizen. Die populären westlichen Adaptionen reichen von Marilyn Monroe über die Beatles, Woodstock bis zu Steve Jobs.
„Yoga versprach und verspricht die Hochzeit von Himmel und Erde, von Körper, Geist und Seele, von Natürlichem und Übernatürlichen. Es ist eine Religion ohne kollektiven Anspruch, ohne Gängelung außer durch den persönlichen Ehrgeiz.(…)Yoga verspricht, wie es in der Wurzel des Wortes angelegt ist, die Vereinigung von Freiheit und Bindung“, resümiert Weidner (381) und sieht darin ein zumindest individuell hilfreiches Heilmittel angesichts der selbstzerstörerischer Kräfte der modernen Zivilisation und ihrer Krisen. 

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und danach über mich und meine Hatha-Yoga-Praxis gelacht. Viele geläufige Mythen werden mit guten Gründen und mit sanfter Ironie beiseite gewischt. Wer sich nicht nur am „Westen“ orientieren will, findet hier wunderbare Verbindungslinien und Verbindungsleute nach Persien und Indien. Die Verengungen des Westens zu öffnen, das ist Stefan Weidners Mission. Er hat zwei weitere hochinteressante Bücher geschrieben, die ebenfalls im Hanser-Verlag erschienen sind: „Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken“ (2018) und „Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart“ (2021)