Die liberale Gesellschaft, der liberale Staat sind umstritten. Für die einen ist es der Kern des „Westens“, den man unbedingt gegen autoritäre Staaten und anti-westliche Bewegungen stark machen muss. Die anderen haben, mitten in Europa oder Nordamerika den Glauben an die Prinzipien des Liberalismus verloren und suchen nach einer postliberalen staatlichen Ordnung. Ein ganz neues Buch gibt einen Überblick über diese Strömungen: „Postliberalismus? Eine transatlantische Debatte, herausgegeben von Veith Selk und Julian Nicolai Hoffmann, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2494, Berlin 2026.
Unter den erklärten Post-Liberalen finden sich in den USA wie in Großbritannien christliche Theologen und Philosophen. Handelt es sich dabei vielleicht um Fundamentalisten, die den modernen Staat, die liberale Gesellschaft aus der Perspektive radikaler religiöser Gemeinschaften kritisieren? Nein, Ausgangspunkt ist eine konservative Kritik an den liberalen Prinzipien, die im politischen Spektrum sowohl „eher rechts“ als auch „Mitte links“ angesiedelt sein kann. Letzteres in der Bewegung „Blue Labour“, die seit einigen Jahren in England für eine neue Gesellschafts- und Sozialpolitik eintritt.
Der anglikanische Theologe John Milbank, der katholische Politologe Adrian Pabst wie auch der jüdische Politiker Maurice Glasman treten für eine Gesellschaft ein, in der Probleme am besten vor Ort und in gemeinschaftlicher Anstrengung gelöst werden. Dabei sollen Bürgerinitiativen, religiöse Gemeinden, Gewerkschaften, Vereine eine wichtige Rolle spielen. Besser gesagt: Sie tun dies schon immer – werden aber durch den Liberalismus übersehen und an den Rand gedrängt.
Was macht der Liberalismus falsch? Er stellt sich die Gesellschaft als einen Verband von Individuen vor, die unterschiedliche Ansichten und Interessen haben, die vom liberalen Staat geschützt werden. In Wirklichkeit, so die Antwort der Kommunitaristen, zu denen Milbank und Pabst zählen, sind wir aber nicht unabhängig voneinander existierende Atome, aus denen sich dann die Gesellschaft zusammensetzt, sondern leben von der Geburt bis zum Ende unseres Lebens in einem Geflecht von Beziehungen. Ein guter Staat sollte dieses Geflecht seiner Bürger:innen pflegen und nicht die möglichen Interessenkonflikte betonen, die Menschen in Gegensatz zueinander bringen.
Der post-liberale Staat, den die Blue Labour-Gruppe im Sinn hat, ist nicht antiliberal, will seinen Bürgern nicht vorgeben, wie sie zu leben haben, sondern soll auf den Vereinigungen und Netzwerken aufbauen, in denen sich die Bürger zusammenfinden, um eine Gesellschaft positiv zu gestalten. In Deutschland wurde und wird diese Vorstellung als „Subsidiaritätsprinzip“ (ein sperriger Begriff) bezeichnet: der Vorrang der Familie, des Lokalen, des freiwilligen Zusammenschlusses. Um einen anderen sperrigen Begriff zu verwenden: Der post-liberale Staat von Blue Labour ist „neo-korporatistisch„, in ihm haben Kirchen, Gewerkschaften, Berufs- und Wohlfahrtsverbände ein Wort mitzureden. Das „neo“ in neo-korporatistisch“ bedeutet dabei, dass man nicht in den alteuropäischen Ständestaat zurück will, in dem das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben von adeligen, kirchlichen, berufsständischen u.a. Zusammenschlüssen erdrückt wurde.
Die Kritik am liberalen Menschenbild hat viel für sich: Nein, Menschen sind nicht nur Marktteilnehmer, die ihre individuellen Bedürfnisse zu möglichst günstigen Bedingungen befriedigen wollen. Und deshalb sollte der Staat seine Bürgerinnen und Bürger auch nicht nur als individuelle Konsumenten und Produzenten, als Nachfrage und Kaufkraft adressieren (was führende Vertreter des Liberalismus auch zugestehen).
Aber wie sieht das Schritt über den liberalen Individualismus hinaus aus? Wie viel Einfluss im Staat sollen intermediäre Organisationen haben, in denen sich immer nur ein Teil der Bürgerschaft zusammenfindet? Konkrete Antworten auf dieseFragen werden in der angelsächsischen Post-Liberalismus-Debatte nur skizziert. Das Spektrum reicht von den sozial pluralistischen Ansätzen, die in England als Blue Labour firmieren, bis hin zu sozial konservativen Vorschlägen eines Eliten-Staates, die in den USA gerade mehr Aufmerksamkeit finden. Auch hier findet sich eine an römisch-katholische Traditionen anknüpfende Position (Patrick Deenen), die in der aktuellen US-Administration auf Zustimmung stößt. Hier wird der Post-Liberalismus zum Anti-Liberalismus, weil mit „naturrechtlichen“ Begründungen einfach vorgegeben wird, wie Menschen ihre Rolle wahrzunehmen haben: als Männlein und Weiblein, in der Familie etc. Das ist als Aufreger-Thema interessant, aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit völlig irrelevant: Die Menschen sind und waren eben nicht so, wie Denker früherer Jahrhunderte sich ihre „Natur“ vorgestellt haben.
Der Kreis um Milbank, Glasman und Pabst macht es sich nicht so einfach: Er will Gemeinschaften verschiedener Traditionen zu einem gedeihlichen Zusammenwirken gewinnen. Ihr Leitbild ist eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Freundschaft der freiwilligen Zusammenarbeit, nicht der Aushandlung von gegensätzlichen Interessen basiert. Zu schön, um wahr zu sein?
John Milbanks Theologie habe ich schon früher zur Kenntnis genommen, vor allem sein provozierendes Buch „Theology and Social Theory“ (1990). Als Vertreter eines post-liberalen Staats- und Gesellschaftsverständnis habe ich ihn erst in dem Postliberalismus-Sammelband von Veith Selk wiederentdeckt. Der pathetische Gestus, mit dem der „den Liberalismus“ kritisiert, begeistert mich nicht. Aber die Suche nach einem pluralistischen Konzept lokaler Gemeinschaften und unterschiedlicher politischer Akteure finde ich interessant. In Deutschland, das niemals so liberal gedacht hat, wie England, gibt es für den neo-korporatistischen Weg, den er neu ins Gespräch bringt, viele Ansatzpunkte, zum Beispiel die Wohlfahrtsverbände wie Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden… Mir sehr vertraut, aus meiner Zeit bei der Diakonie Deutschland.
Wer sich näher mit der englischen Debatte beschäftigen will, kann sich die YouTube-Videos der Oxforder Post-Liberalismus-Tagung von 2024 ansehen oder in den Podcast der amerikanischen politikwissenschaftlichen Zeitschrift „Telos Press“ hineinhören.
https://www.telosinstitute.net/postliberalism2024/


