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NAHBAR. Nächstenliebe und Nachbarschaft. Folge 3

Nachbarschaft auf dem Dorf und in der Stadt. Es gibt Treffpunkte, aber nur wenn Menschen es wirklich wollen, füllen sie sich mit Leben.

Ein Ausschnitt aus dem Podcast-Cover: Es zeigt junge, alte Menschen, Frauen, Männer, Kinder, dicht zusammen

Zusammenfassung

In dieser Folge erkunden wir die Vielfalt der Nachbarschafts- und Gemeinschaftsstrukturen in ländlichen und städtischen Gebieten. Es geht um Treffpunkte, Vereinsarbeit, soziale Netzwerke und die Bedeutung von Infrastruktur für lebendige Nachbarschaften.

Gliederung

  • 00:00 Einführung in die Nachbarschaftsbildung
  • 03:08 Treffpunkte und ihre Bedeutung
  • 05:44 Vereine und Gemeinschaftsstrukturen
  • 08:39 Familienangebote und deren Einfluss
  • 10:49 Keine Zeit für die Nachbarschaft ?
  • 13:18 Wo sind meine Leidenschaften?



Ich habe meine Nachbarschaft entdeckt, als ich mehr im Home Office gearbeitet habe.

Peter Bartmann

Peter Bartmann lebt in Berlin. Dort hat er lange in der Diakonie gearbeitet. Da geht es praktisch um gute Nachbarschaft und Nächstenliebe. Er fragt sich: Was sind unsere Gründe und Motive, an einer guten Nachbarschaft zu bauen? Wieviel Nähe, wieviel Distanz sind notwendig? Wie kommen wir mit Menschen in unserer Nähe klar, die uns fremd sind?

Website: https//peterbartmann.de

„Über das Schwarze Brett habe ich die Volleyballgruppe im Dorf kennengelernt. Sie wird von einer jungen Mutter organisiert, die ihr Baby mitbringt…“

Stephanie Schwenkenbecher

Stephanie Schwenkenbecher lebt in einem Dorf in der Nähe von Greifswald. Sie arbeitet als freie Lektorin mit Menschen, die schreiben und sprechen. Sie interessiert sich für die Geschichten, die Menschen bewegen – und die sie erzählen. Für die evangelische Kirche in Norddeutschland bildet sie Lektoren und Lektorinnen aus und arbeitet im Pop-Institut mit.

Transkript und Referenzen:

Peter (00:01)
Herzlich willkommen zu NAHBAR, dem Podcast über Nächstenliebe und Nachbarschaft. Schön, dass du heute dabei bist. Wir freuen uns sehr, dass du eingeschaltet hast.

Stephanie (00:10)
Hallo auch von mir. Wir sind Peter und Stefanie und wir wollen dich mitnehmen auf eine Reise durch die großen und kleinen Fragen des Zusammenlebens. Deswegen heißt unser Podcast NABAR, weil wir glauben, dass wir uns eigentlich alle nach Nähe sehen und Nachbarschaft etwas wichtiges ist für unser aller Leben. Entsprechend haben wir auch Lust mit dir ins Gespräch darüber zu kommen.

Peter (00:36)
Vielleicht denkst du jetzt Nächstenliebe, Nachbarschaft, das klingt ein bisschen altmodisch. Aber für mich ist das Thema aktueller denn je. Gerade in einer Zeit, in der viele Leute das Gefühl haben, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Da wollen wir fragen, wie können wir einander begegnen? Wie können wir Brücken bauen, auch wenn wir unterschiedlich sind?

Stephanie (00:59)
Genau. Und wir wollen über große gesellschaftliche Themen sprechen, weil wir glauben, dass die alle damit zusammenhängen. Also nicht nur abstrakt, sondern anhand unserer kleinen Dinge, die uns im Alltag begegnen. Über das, was uns im Bus, am Gartenzaun, im Supermarkt oder auf dem Sportplatz begegnet. Denn oft sind es die kleinen Begegnungen des Alltags, die unsere Haltung prägen.

Peter (01:22)
Wir laden dich ein, uns nachzudenken, zu diskutieren und neue Perspektiven zu entdecken. Alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge überall, wo es Podcasts gibt. Und wir freuen uns, wenn du uns abonnierst und mit uns ins Gespräch kommst.

Stephanie (01:40)
Jetzt verraten wir euch auch noch, wer wir sind. Ich bin Stephanie Schwenkenbecher. Ich habe mal Theologie studiert und arbeite als Lektorin. Dabei habe ich viele Bücher begleitet, bevor sie veröffentlicht wurden, viele Texte gelesen von anderen Autoren. Manchmal schreibe ich auch selber. Ich bin neugierig auf die Geschichten und Erfahrungen anderer Menschen.

Peter (02:02)
Und ich bin Peter, lebe in Berlin, habe Philosophie und Theologie studiert und lange bei der Diakonie gearbeitet. Da geht es ganz praktisch Nächstenliebe und Nachbarschaft und die Frage, wie wir es, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen.

Stephanie (02:19)
Wir haben uns übrigens bei der Arbeit an einem Buch kennengelernt. Peter hat nämlich ein Buch geschrieben über Nächstenliebe und hat mich gebeten, dieses Buch zu lektorieren, bevor es dann veröffentlicht wird in seinem Verlag. Und dabei sind wir auch gelegentlich ins Gespräch und in die Diskussion gekommen und fanden, dass das ein wahnsinnig aktuelles Thema ist und wir gerne noch weiter übers Zusammenleben nachdenken würden. Und daraus ist die Idee für diesen Podcast entstanden.

Peter (02:48)
Das Buch ist im Herder Verlag erschienen und du findest in den Show Notes einen Hinweis, wie du es erfinden kannst. Aber hier geht es ja ums Hören und Sprechen und alle 14 Tage lassen wir am Donnerstag von uns hören. Wir sprechen über Nachbarschaften, über Nähe und Distanz, über Nachbarschaftshilfe und Streit unter Nachbarn. Wir teilen unsere Erfahrungen und Gedanken mit euch und freuen uns, wenn ihr reagiert, kommentiert, Ideen einbringt.

Das geht ganz einfach per E-Mail an die Adresse podcast.etnaba.net. Podcast.etnaba.net. Und wir sind sehr gespannt auf eure Sicht der Dinge.

Stephanie (03:29)
Unser anderes Thema ist, wie schon gesagt, die Nächstenliebe. Wir sind Beides Theologen und uns interessiert, was dazu in der Bibel steht und wollen mit euch da auch eine kleine Zeitreise machen in dieses inzwischen ja sehr alte, aber eben auch sehr prägende Wort. Wir hören uns an, was Menschen heute dazu sagen und denken.

Und wir schauen uns an, was Menschen tun, damit Zusammenleben gelingt. Wir sind eben wie gesagt beide in der christlichen Tradition verwurzelt, interessieren uns aber auch sehr für andere Traditionen. ihr werdet dann auch mal hören, wir sind nicht immer einer Meinung, wenn es Nächstenliebe geht. Genau das finden wir auch spannend.

Peter (04:15)
Wie können wir am besten zusammenleben? Das fragen wir uns. Wer ist wir? Wer gehört dazu? Wo endet unsere Bereitschaft, auf andere zuzugehen? Und was heißt überhaupt Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Geht das? Und was heißt es praktisch? Wir fragen uns und suchen Antworten. Die saugen wir uns nicht aus den Fingern, sondern lesen und recherchieren und führen Interviews. Zu jeder Folge gibt es Show Notes, wo ihr nachlesen könnt, aus welchen Quellen wir schöpfen.

Im Gespräch selbst zitieren wir nicht ständig, wir gelesen haben. Aber ihr könnt nachsehen, nachlesen und euch selbst ein Bild machen.

Stephanie (04:54)
Bevor wir jetzt in das Thema Nachbarschaft einsteigen, hört ihr Töne. Und zwar hat sie uns Jan Simovic eingespielt. Das ist Pianist und Songwriter. Diese Töne werden uns begleiten auf unserer Reise mit Narber, Nächstenliebe und Nachbarschaft.

Sag mal Peter, bist du eigentlich ein guter Nachbar?

Peter (05:28)
Naja, ich denke schon. Ich nehme zum Beispiel Pakete für meine Nachbarn an oder verleihe mein Werkzeug. Ich habe eine ganz lange Leiter, die sich die Nachbarn immer bei mir ausleihen.

Stephanie (05:39)
das heißt die Nachbarn wissen schon, dass du eine lange Leiter hast?

Peter (05:43)
Ganz klar.

Stephanie (05:45)
Dann lass uns doch mal drüber reden, was es überhaupt bedeutet, ein guter Nachbar zu sein. Was bedeutet gute Nachbarschaft?

Peter (05:52)
Bist du denn eine gute Nachbarin, Stefanie? Und was bedeutet das für dich?

Stephanie (05:57)
Ja, bin ich eine gute Nachbarin? Das ist eine Frage. Vielleicht müsste man da eigentlich meine Nachbarn fragen und nicht mich. Also ich finde, wir haben eine gute Nachbarschaft bei uns im Haus. Ich wohne mit meiner Familie auf dem Dorf in der Nähe von Greifswald, also ganz an der Ostseeküste könnt ihr euch das vorstellen. Und bei uns im Haus leben noch zwei andere Parteien. Und ja, also ich finde so das, was so das

Nachbarliche angeht, das machen wir gut zusammen. Wir grüßen uns, wenn wir uns sehen und unterhalten uns auch mal kurz, wie es uns geht und lassen uns weiträumig in Ruhe. Das finde ich doch tatsächlich mit einem sehr wichtigen Faktor, dass wir das gut können. Wir hängen uns nicht in die Sachen der anderen rein. da gibt es bei uns im Haus gibt es eine Hausordnung, wo sich jeder irgendwie drum kümmert. Das klappt im Durchschnitt total gut, finde ich.

Und das Gute daran finde ich, dass das niemand total eng sieht. Also wenn es mal einer nicht macht, dann macht es halt nächste Woche ein anderer. Und man geht dann nicht jedes Mal dem anderen hinterher mit dem Zettel und wo wir unsere Namen eintragen und sagt dann hier, du musst aber noch und vorher mache ich nicht, sondern es gibt eine große Weite. Und ich würde immer sagen, im Durchschnitt ist es bei uns sauber. Und das finde ich das völlig Ausreichende, dass es allen gut geht.

und die das so machen, wie es gut ist für sie. Ja, also wir haben so eine Balance aus Nähe und Distanz und es gibt nicht so ein großes Zu-viel. Ich habe auch manchmal schon versucht unsere Nachbarinnen zum Feiern einzuladen. Also wenn wir Freunde hatten, bei uns vor dem Haus gibt es eine riesige Wiese, da kann man total schön sitzen und feiern. Und das hat aber noch nicht geklappt, dass sie da mal dazu gekommen sind. Da hatten sie doch, hatte ich das Gefühl, ein größeres Ruhebedürfnis.

als sich da jetzt auch noch von unserem Freundeskreis behelligen zu lassen. Aber dafür gibt es dann immer mal so Gelegenheiten, wo wir so auf der Treppe vorm Haus zusammensitzen und in den Nachmittag hineinschnacken und das wird auch manchmal richtig lang. Also das finde ich total schön, dass das so beides möglich ist, sich mal nett und auch intensiv auszutauschen, aber das nicht zu müssen. Ja, ist schön.

Peter (08:26)
Ich habe das Wort Hausordnung gehört, Stefanie. Die gibt es bei Euch?

Stephanie (08:32)
Also ich bin eben nicht so ganz sicher. sind mehr so ungeschriebene Gesetze. Und eins davon ist, dass wir Rasen mähen. Und eins davon ist, dass wir den Flur bei uns wischen. Und auch in irgendeiner Weise die ganzen Fußabträter, die da sind, mal vom Dreck befreien. Ich bin gar nicht sicher, ob das eigentlich zum Mietvertrag dazu gehörte. Aber es hängt jedenfalls ein Zettel aus, da muss man sich dann eintragen.

dass man das gemacht hat. Und der ist eben, wie gesagt, der bleibt auch lückenhaft, aber bis jetzt sind alle damit entspannt. Ja, und dann gibt es aber eben so Sachen, wo es auch schön ist, wenn man sich da auch drum kümmert, was dann gar nicht im Programm steht sozusagen, also dass man bei uns den Weg zum Beispiel mal fegt oder die Treppe vor dem Haus.

oder das Laub mal zur Seite macht. Das sind so Sachen, sind gar nicht geregelt. Dafür finde ich es schön, dass wir so entspannt sind, weil man dann eben auch sagen kann, naja, dann kümmere ich mich halt mal darum. Jemand bringt die Mülltonnen immer raus. Ich vergesse das immer. Ich immer gar nicht so richtig, die Termine eigentlich sind, aber jemand fährt sie raus und dafür schaffen wir es dann aber oft, wenn sie leer sind, wieder zurück zu rollen. Also auch das ist eigentlich sehr…

finde das sehr entspannt, total schön. Und bei euch?

Peter (09:59)
Mir ist jetzt zuerst eingefallen, meine Zeit in Stuttgart. Und da gibt es ja die legendäre Kehrwoche. Und da muss man sich zwar nicht eintragen, aber es ist so, dass wenn du dran bist, vor deiner Wohnungstür ein Schild hängt, da drauf steht kleine Kehrwoche. Die Reihe ist an ihn.

Stephanie (10:07)
Okay.

Mhm.

Peter (10:23)
Da wissen dann alle, du bist dran. Und es gibt natürlich auch die große Kehrwoche, da muss man dann die Straße auch fägen. Jetzt wohne ich in Berlin und da guckt überhaupt niemand danach. Ich finde saubere Straßen haben etwas für sich.

Stephanie (10:38)
Hahaha,

ja.

Peter (10:42)
Und liebe Hörerinnen und Hörer, habt das ja sicher mitbekommen, in Berlin ist es sehr lässig und oft auch sehr schmutzig und da meckert man drüber. Aber schicker ist, wenn man tatsächlich auch anpackt und das in seiner Nachbarschaft tatsächlich auch regelt.

Stephanie (10:58)
Es ist ja wirklich interessant, wie berühmt Berlin inzwischen dafür ist, dass es so dreckig ist, wo man sich auch fragt. Ich meine, es gibt ja auch so Straßenkehrdienste und so. Also es muss ja gar nicht mehr unbedingt sein, dass es an der Hausordnung hängt. Aber das doch interessant, oder? Wie kommt man denn zu so einem Ruf als Hauptstadt?

Peter (11:18)
Naja, ich glaube so die Lässigkeit, die gehört irgendwie zu Berlin. Nichts so richtig vereinbaren, alles mal laufen lassen. Und ich könnte mir vorstellen, dass das sich irgendwann auch mal ändert. Man sagt, nee, wir wollen es eigentlich anders. Wir wollen es auch auf den Bürger steigen und in den Parks wollen wir es schöner haben. Kann ich mir gut vorstellen.

Stephanie (11:44)
Ja und die Münchner lachen sich kaputt über euch, ganz ehrlich.

Peter (11:48)
Das schmerzt uns jetzt nicht so schrecklich.

Stephanie (11:51)
Dafür sind wir Hauptstadt. Du bist aber gar nicht in einem Mietshaus, ne?

Peter (11:59)
Ich wohne in einer ganz dicht gepackten Siedlung, wo es ganz viele kleine schmale Reihenhäuschen gibt und drum herum auch vierstöckige Häuser mit Mietwohnungen. Alles dicht auf dicht. Und ich glaube, viele würden sagen, dass wir eine nette Nachbarschaft haben. Aber jeder ist auch sehr für sich.

Stephanie (12:11)
Mhm.

Mhm.

Peter (12:20)
Gerade wenn man so nah beieinander wohnt, braucht man ja auch etwas Abstand von den Nachbarn.

Aber meine Frage ist natürlich, achtet man in der Nachbarschaft auch aufeinander? Bekommt man mit, wenn es jemandem nicht gut geht? Oder hilft man, wenn es nötig ist? Wie ist das bei euch?

Stephanie (12:40)
Also ich habe das noch nicht so ausgetestet. Jetzt bei uns im Haus würde ich da würde ich davon ausgehen, dass mir die Leute auch helfen würden und im Zweifel auch mal die Tür aufmachen. Ich habe manchmal bisschen das Thema, was mache ich, wenn meine Kinder alleine zu Hause sind?

Und das gerade nicht anders organisierbar ist. Die kommen jetzt langsam aus dem Alter raus, wo man sich da groß Gedanken machen muss. Aber bei meinem Kleinen ist es schon noch so, dass ich denke, der Szenen… Und da hätte ich das gerne übersichtlich und fände ich das schön, wenn er weiß, wo kann er sich hinwenden. Und da habe ich jetzt tatsächlich mal… Weil ich wusste, okay, im Haus ist gerade niemand da in der Zeit, wo wir weg sind. Und da gibt es weiter weg eine Nachbarin.

Die kennen wir, da hatten wir auch mal eine Fahrgemeinschaft. Mit der hatte ich bestimmt ein Jahr nicht zu tun. Aber ich habe dann eben auch zu meinem Kind gesagt, guck mal hier, da drüben gegenüber, weißt du ja, da wohnt die Annemone. Wenn was ist, kannst du da drüber gehen. Da ist jemand da und die ist da bestimmt bereit dazu. Und dann war es tatsächlich so, dass wir uns zwei Monate später dann auch mal wieder getroffen haben live, Annemone und ich.

Und da dachte ich, Mensch, das erzähle ich ihr mal nochmal. Das ist ja schon irgendwie bisschen lustig, dass ich sie da vereinnahme, ohne mit ihr drüber zu sprechen. Und die sagte aber, na klar, das ist doch völlig in Ordnung. Die Kinder kennen sie und sie kennt die Kinder und natürlich würde sie sich kümmern, wenn da was ist. Und sie würde das ganz genauso machen mit ihren Kindern auch. Und das fand ich irgendwie schön, weil ich so dachte, ja so.

Und selbst die Nachbarn jetzt am Hof gegenüber, da ist so eine riesige Hofanlage mit so alten Rehtachhäusern, wunderschön. Wir hatten jetzt persönlich noch gar nicht miteinander zu tun, grüßen uns aber sehr eifrig. Und auch da hätte ich den Verdacht, dass die immer sagen würden, na melde dich doch. Er ist eher zum Beispiel Elektriker und sagt, da kannst du doch einfach Bescheid sagen, wenn du was brauchst oder wir mal was machen müssen.

Das finde ich jetzt gar nicht so selbstverständlich, weil wir ja persönlich noch gar nicht miteinander zu tun hatten. Aber man grüßt sich und signalisiert sich, wir sehen dich und sind dir wohlgesonnen und irgendwie gehört das dann anscheinend mit zum Paket.

Peter (15:13)
Ich glaube so ganz anders ist das auch in der Großstadt nicht, jedenfalls hier bei uns.

Stephanie (15:17)
Ja.

Peter (15:20)
Leute nicht in so engem Kontakt miteinander sind und sich auch nicht immer grüßen. ist in der Stadt gar nicht so, nicht so, glaube ich. Und neulich ist was passiert, dass so den Rahmen sprengt von dem, was ich erwartet hätte. Und zwar auf der anderen Straßenseite, da wohnen eine Reihe von älteren Menschen schon ganz lange.

Stephanie (15:28)
Macht man da nicht so, ne?

Ja?

Ja.

Peter (15:49)
und die sind trotzdem sehr auf Distanz und grüßen sich auch nicht so sehr. Und es gibt auch Geschichten, warum, was in der Vergangenheit mal war. Es war nicht immer nur herzlich. Und direkt gegenüber von mir wohnen ein alter Herr und eine alte Dame Tür an Tür, ganz dicht. Die haben aber eigentlich nie miteinander geredet, sind sich aus dem Weg gegangen.

Stephanie (15:57)
Ja.

Mh.

Mhm.

Peter (16:17)
Aber in einer Nacht neulich stand der Rettungswagen vor der einen Haustür und dem älteren Mann ging es offenbar nicht gut. Und da steht auf einmal seine Nachbarin mitten in der Nacht neben ihm auf der Straße neben dem Rettungswagen, bringt ihm seine Sachen und dann sehe ich, wie sie später in seinem Häuschen die Lichter ausmacht und abschließt.

Stephanie (16:24)
Mhm.

Nee.

Guck mal an.

Peter (16:46)
Ja, ich finde das auch eine tolle Sache. Die haben gar nicht miteinander gesprochen und dann in der Not war es plötzlich möglich, dass die Nachbarin da war. Ich bin auch aufgewacht und habe rausgeguckt und habe sie da gesehen. Und der alte Herr hat ihr einfach seinen Wohnungsschlüssel gegeben und sie hat ihn genommen und sich seine Wohnung gekümmert.

Stephanie (16:55)
Aha.

Mhm.

Aber das kann ich mir auch vorstellen, dass es dann manchmal so einen Anlass braucht, wo man sich dann wieder begegnet und in so einem Moment, wo man dann da sieht, der ist jetzt alleine und es ist niemand da, der sich jetzt hier kümmern kann, dass man dann auch sofort überlegt, wie wäre denn das bei mir? Und weil es so, es wäre total schön, wenn dann jemand kommen würde und sich kümmert und man dann sofort in diese Rolle reingeht und sagt…

Natürlich kümmere ich mich so, ich bin sozusagen die Nächste in dem Moment, die dann dran ist. Also das könnte ich mir auch richtig vorstellen, dass sie da so so ein innerliches Selbstverständlichkeit hatte, da zu übernehmen.

Wobei ich finde, das geht eigentlich über Nachbarschaft hinaus für mich. Das habe ich ja gerade schon in der Formulierung so bisschen angedeutet, dass sie da die nächste ist. Für mich ist das so ein Fall von Nächstenliebe. Also wo man auch vielleicht in so einem Affekt reagiert, aber so mit dem ganzen Wesen und

Ja, sich dann in die Situation rein zu begeben und zu engagieren mitten in der Nacht, weil man eben spürt, dass der andere einen braucht und man selbst in dem Fall der nächste ist, der da gefragt ist. Die nächste. Spannend, spannender Moment hier. Sehr spannend für unseren Podcast.

Peter (18:41)
Ja, Stephanie, hast gleich zwei Punkte angesprochen, auf die wir noch in unserem Podcast eingehen. Einmal die Überlegung, wie wäre das denn bei mir? Wer würde mir helfen? Und dann auch eben diesen Punkt, dass man plötzlich in der Nähe ganz unmittelbar sagt, jetzt muss ich was tun, da muss ich hin. Da bin ich aufgestanden und stehe auf der Straße.

Stephanie (19:04)
Mmh.

Peter (19:06)
Ich weiß nicht, ob die Nachbarin von gegenüber dieses Wort verwenden würde, Nächstenliebe. Sie ist, glaube ich, nicht kirchlich eine typische Berlinerin der Nachkriegszeit, jetzt in den 80ern. Rau, aber wie wir jetzt wissen, das Herz auf dem rechten Fleck.

Stephanie (19:10)
Mhh, ja.

Mmh!

Peter (19:25)
Ich würde es trotzdem Nächstenliebe nennen. Und am meisten beeindruckt mich, dass man mit seinen Nachbarn gar nicht befreundet sein muss, ihnen in einer Krise zu helfen. Das ist doch toll.

Stephanie (19:36)
Ja, und bei den beiden ja gerade im Gegenteil,

Ja, also Nächstenliebe, ich meine, ja, das ist mir schon bewusst so, dass ich das jetzt so nennen würde mit meinem christlichen Hintergrund, weil das bei uns ja einfach auch sehr, das ist ja im Grunde ein Schlagwort, was uns ausmacht als Christinnen und Christen mit das höchste Gebot und was für uns gilt, was ja auch mit der Grund ist, weshalb wir das hier der Nachbarschaft gegenüberstellen, die Nächstenliebe.

Aber es ist ein großes Wort und da weiß ich eben auch nicht. einmal kann es sein, dass es inzwischen aus der Mode gekommen ist mit dem ganzen Christentum, wie das ganze Christentum eben gerade aus der Mode kommt, dass dann eben auch dieser Begriff aus der Mode kommt. der Begriff vielleicht, aber bei der Sache glaube ich eigentlich

dass das tief verwurzelt ist und auch bleibt. Und dann frage ich mich, was ja so ein gegenteiliges Phänomen ist, was wir manchmal religionssoziologisch beobachten, dass so, wenn die Dinge so auf dem Rückzug sind und aus der Mode sind, dass dann auch wieder neu ein Interesse entsteht daran. Und da weiß ich nicht, wo die nächste Liebe gerade steht in dieser Entwicklung. Also ist sie gerade sehr out oder?

Reiten wir hier gerade die Welle voran, wo die Nächstenliebe gerade schwer in Mode kommen. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Peter (21:13)
Das würde ich mir natürlich wünschen.

Stephanie (21:15)
Hahaha!

Peter (21:18)
Und wenn ich mich trauen würde, könnte ich aber der Nachbarin mal fragen, ob sie das als Nächstenliebe bezeichnen würde. Ich bin mir nicht sicher. Sie ist eine echte Berlinerin. weiß nicht, ob ich mich traue, sie das zu fragen, denn wir haben auch eigentlich nicht so viel miteinander zu tun. Grüßen tun wir uns.

Stephanie (21:34)
Ja.

Ja, das wäre vielleicht auch ein großes Wort für eine Situation, die für sie sehr selbstverständlich war.

Peter (21:45)
Und wie du sagst, eigentlich kommt es auf den Begriff nicht immer an, sondern auf das, dahinter steht, die Haltung. Und das wäre doch wunderbar, wenn diese Haltung einfach da wäre und wir auf sie bauen können.

Stephanie (21:57)
Was meinst du, wenn du sagst, dass da eine Haltung dahinter steht?

Peter (22:05)
Für mich ist das Wichtigste im Notfall helfen und wenn es nötig ist, dann auch über eine Grenze gehen. Über Sprachlosigkeit oder Fremdheit oder dass man sich eigentlich nicht so gut versteht.

Stephanie (22:19)
Also das meint quasi, auch wenn man jetzt nicht in so einer ganz großen Nähe lebt, vielleicht in so einer Halbdistanz, dass man sich zugänglich hält für den anderen. Wenn man jetzt bei unserem Podcastnamen ist, nahbar bleibt, ohne jetzt immer die Tür offen zu haben sozusagen. Ja spannend.

Peter (22:44)
Ja, das finde ich schön. Nahbar, das heißt eben für mich auch zugänglich, unkompliziert, ansprechbar und das verbinde ich mit Nächstenliebe.

Stephanie (22:53)
Und es ist nicht an die Bedingungen geknüpft, jetzt bei euch noch nicht mal an die Bedingungen geknüpft, dass man sich grüßt oder regelmäßig Smalltalk führt, sondern einfach in der Grundhaltung meinem Menschen mir gegenüber.

Peter (23:12)
und auch über Konflikte hinweggehen. Also wenn Streit war, sich eben doch zu helfen. Oder wenn man sich eigentlich nichts zu sagen hat, dann doch da zu sein.

Stephanie (23:22)
weil es im Grunde menschliches ist, einander nahbar zu sein und zu bleiben und es nicht an Bedingungen geknüpft ist. das ist aber was sehr evangelisches. Man muss sich nicht unbedingt gut verstehen und in der Not wäre ich für den anderen da. Ich lasse dich stehen, wie du bist und du könntest auf mich zählen.

Peter (23:32)
Mhm.

Stephanie (23:50)
Das würde heißen für mich, wenn wir das so sagen, dass Nachbarschaft ja eigentlich der große Testfall ist für die Nächstenliebe. Nächstenliebe ist einfach, wenn wir sowieso befreundet sind und uns nahe sind und regelmäßig Zeit miteinander verbringen. Dann tun wir einander gut. Aber in der Nachbarschaft nebeneinander zu stehen und sich auszuhalten in größerer Nähe oder Distanz

und nahbar zu bleiben für den Ernstfall. Das finde ich die Herausforderung. Und gleichzeitig glaube ich, dass es Menschen total daran gelegen ist, weil wir alle darauf angewiesen sind am Ende, dass das eben so funktioniert.

Peter (24:44)
Insofern ist Nachbarschaft der Testfall für nächste Liebe.

Stephanie (24:49)
Ja, da suche ich mir eben nicht aus, wer da auf der anderen Seite wohnt und hinter der Tür vorkommt und bei wem ich nach den Eiern frage, sondern das sind die Menschen, die eben zufällig in meiner Umgebung gelandet sind und wie die drauf sind, sind die drauf. Mein Nachbar hat immer sehr stark, der ist vor kurzem ausgezogen, der letzte Nachbar unten, der hat immer sehr das Bedürfnis, den Rasen sehr kurz zu halten.

Dabei hat er sich an unseren Vermietern orientiert. wohnen gleich auf einem Nachbarkgrundstück, sodass man das immer gut verfolgen kann, dass sie auch gerne ihren Rasen sehr kurz haben. Ich selber weiß, unser Rasen ist eigentlich kein Rasen, sondern eine Wiese, eine Magerwiese. Wenn man die länger stehen lässt, kann die eine unfassbare Blütenkraft entwickeln und eine tolle Insektenweide sein.

Das heißt, Mal, wenn ich meinen Nachbarn da unten mit dem Rasenmäher abzuckeln sehe, blutete mir das Herz, weil ich wusste, was er damit eben auch alles wegsäbelt. Und gleichzeitig muss er aushalten, dass wir vorne dann ums Haus rum eben nicht so oft gemäht haben wie er. Und es müssen auch unsere Vermieter aushalten. Wir haben uns gerade nochmal drüber ausgetauscht, dass wir das tatsächlich so handhaben. Und da bin ich auch wirklich froh.

dass sie sich darauf einlassen, gleichzeitig kann ich mich da gut reinversetzen, wie schwer das für sie auszuhalten ist, weil es andersrum für mich auch schwer auszuhalten ist.

Peter (26:20)
Ja, das ist ein gutes Stichwort. Aushalten, sich leben lassen, sich respektieren.

Stephanie (26:26)
Ja, so,

dass man tatsächlich den Respekt voreinander bewahrt. Ich meine, da ist auch ein Wut und ein Schmerz und so ein, müssen die schon wieder den Rasen mähen. Und dann aber wieder den anderen wahrzunehmen und zu sagen, ja, ist ein anderes Bedürfnis und ein anderes Sein, das sind andere Werte. Das kann ich nicht ändern, aber ich kann hoffen, dass wir einander stehen lassen können und respektieren in dieser Verschiedenheit.

Peter (26:56)
Ja, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, da habt ihr sicher auch viel beizutragen, denn das ist ja wirklich ein Thema, was jeden etwas angeht. wie gesagt, wir freuen uns, wenn ihr was einbringt in diesen Podcast über die E-Mail-Adresse podcast.naba.net.

Stephanie (27:09)
Mhm.

Ja, sag mal, Peter, gibt es denn noch ein Happy End für deine Geschichte? Wie ist die weitergegangen? Dann der Nachbar ist doch bestimmt, ist er aus dem Krankenhaus zurückgekommen?

Peter (27:27)
Ja, der alte Mann ist aus dem Krankenhaus zurückgekommen und dem geht es auch wieder ganz passabel.

Stephanie (27:32)
Schön! Und? Sprechen Sie miteinander?

Peter (27:37)
Da bin ich mal gespannt, was würdest du raten? Reden sie miteinander oder weiterhin nicht?

Stephanie (27:43)
Tja, ist… Gehen sie auf den… Nee, ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sie auf den Status Quo von davor zurückgehen. Ich denke, dass sie inzwischen, sag ich mal, beim Müll rausbringen, einen kurzen Schnack halten draußen. Und?

Peter (27:58)
Genau so ist es auch. Sie sprechen

miteinander auf vorsichtiger Distanz. Zum Beispiel, wenn sie ihre Blumentöpfe vor der Haustür gießen und sich dabei zufällig treffen. Und ich habe sie auch schon abends einfach vor der Haustür zusammen stehen sehen. Ich glaube nicht, dass sie sich jetzt wechselseitig einladen, aber sie reden miteinander.

Stephanie (28:07)
Ja.

Ja?

Es

gibt noch kein Tee-Kränzchen und gibt keine Romanze.

Peter (28:28)
Aber das muss ja auch nicht sein. Es ist ja auch schön zu wissen, man hat Nachbarn, auf die man sich verlassen kann, ohne dass man sich nun ganz doll umeinander bemüht.

Stephanie (28:39)
Ja, also damit wäre geklärt, wir sind hier nicht in Hollywood. Wir sind hier beim Podcast Nächstenliebe und Nachbarschaft. Na, aber wir freuen uns sehr, wenn wir uns in 14 Tagen wieder hören. Da werden wir die nächste Folge online stellen.

Peter (28:59)
Und wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert unseren Podcast, der überall zu finden ist, wo es Podcasts gibt.

Stephanie (29:07)
Bis dahin, macht es gut!

Peter (29:10)
Tschüss.

NAHBAR – der Podcast über Nächstenliebe und Nachbarschaft.
Von Peter Bartmann und Stephanie Schwenkenbecher

Transkript Folge 2: Nächstenliebe – mehr als Respekt

Peter (00:12)

Noch einmal herzlich willkommen zu NAHBAR dem Podcast Nächstenliebe und Nachbarschaft. Hallo, Stephanie.

Stephanie (00:18)

Hallo Peter.

Peter (00:19)

Stephanie, in der der letzten Folge hast du gesagt, die Nachbarschaft, ist der Testfall für die Nächstenliebe. Erinnerst du dich?

Und wir hatten eine ganz konkrete Geschichte uns angeguckt, die in meiner Nachbarschaft in Berlin passiert ist. Und zwar von einer älteren Dame, die mitten in der Nacht 3 Uhr aufgestanden ist, als der Rettungswagen vor der Tür ihres Nachbarn stand. Und sie ist runtergegangen und hat ihm geholfen, in den Wagen einzusteigen, ihm Sachen gebracht und hinterher auch sein Haustür abgeschlossen.

Und das ist besonders, weil die beiden haben davor eigentlich nie miteinander geredet.

Stephanie (01:08)

Ja, total verrückt. nicht miteinander geredet und dann gleich so in die Situation einspringen und helfen. Also ich finde, ist eine großartige Geschichte. Und ich finde, du hast auch völlig recht. Das ist ein gutes Beispiel für diese Nachbarschaft als Testfall der Nächstenliebe. Für mich ist das eine Nächstenliebe-Geschichte. Eben weil wir dieses, vorher gibt es keine Freundschaft oder man ist halt Nachbar. Und sie wendet sich dem Menschen zu, der da neben ihr ist und in Not geraten ist und agiert. Das ist vielleicht nicht ihre Motivation. Für mich wäre das trotzdem genauso ein Beispiel, wo sich eben in der Nachbarschaft Nächstenliebe ereignet. Und das ist ja nun großes Wort, Nächstenliebe.

Wir haben uns für diese Folge vorgenommen, dass wir dieses Wort noch mal genauer anschauen. Und das ist insofern auch sehr naheliegend, weil Peter nämlich ein Buch über die Nächstenliebe geschrieben hat. Wir haben gemeinsam an diesem Buch auch gearbeitet. Ich bin die Lektorin gewesen und Peter ist der Autor. Das ist durchaus auch eine Leseempfehlung an dieser Stelle. Peter, wenn man ein ganzes Buch schreibt, kann man auch kurz sagen, was ist Nächstenliebe?

Peter (02:27)

Nächstenliebe ist ein Wort, das zuerst in der Bibel vorkommt. für die älteren Menschen ist das sicher auch sehr vertraut, weil das in früheren Jahrzehnten auch doch immer präsent war, Nächstenliebe, der Impuls zu helfen. Und ich weiß nicht, ich nehme an, wer ein bisschen jünger ist, der denkt vielleicht, okay, das ist ein Wort aus einer alten Welt. So ging es dir doch auch ein bisschen, Stephanie, oder?

Stephanie (02:55)

Ja, als wir schon mal darüber gesprochen haben, ist mir das zumindest so als Frage aufgekommen, dass ich dachte, Nächstenliebe, das ist ja mal sehr präsent gewesen und dass man mit Nächstenliebe handelt, das ist ja auch ein Anspruch gewesen an viele Menschen. Also gerade als das Christentum noch so sehr verbreitet war in unserer Bevölkerung und man einfach zur Kirche gehörte, dann war dieser Handlungsanspruch. auch sehr präsent und bis heute ist es glaube ich bei den Pfadfindern noch gute Sitte, dass man eine gute Tat am Tag vollbringt und das auch durchaus zählt und sich freut. Also wenn man jemanden den Einkauf getragen hat, dann macht man für sich innerlich einen Haken an der Liste und sagt, das war heute meine gute Tat. Und also ich würde sagen, das ist noch nicht völlig out, das ist immer noch auch verbreitet als Gedanke, man kennt das. 

Also habe ich mich gefragt, ob das jetzt eigentlich, wo so viele Leute gar keinen Bezug mehr haben zur Kirche, ob damit das Wort Nächstenliebe jetzt eigentlich auch wirklich ganz alt und verstaubt klingt und auch aus der Mode kommt oder ob es gerade interessant ist, weil es inzwischen schon was Fremdes ist und was anderes ist, was auf einen zukommt. Vielleicht ist das in einer Welt, wo gerade so viel von Kälte und von Hass und von Konflikt gesprochen wird, ein kleines Herdfeuer ist, um das man sich eigentlich gerne versammeln würde und sich das gerne genauer anschauen würde.

Peter (04:25)

Ich glaube, mit der guten Tat hast du auf den Punkt gebracht, was ganz viele Menschen erwarten, wenn es um Nächstenliebe geht, eine konkrete, gute Tat. Und ich glaube, das ist irgendwie selbst tragend. Da braucht man vielleicht gar keine große Tradition zu, der alten Dame den Einkauf nach Hause tragen und sagen, ja, das ist schön, das ist Wirksamkeit und das strahlt aus.

Stephanie (04:53)

Menschen helfen eigentlich ganz gerne. Und das hatte dann diesen Label von der Nächstenliebe, aber ja, ich kann das schon nachvollziehen, dass man sagt, ist eine Handlung und einfach die Handlung des Helfens, die braucht jetzt noch nicht so ein großes Wort dahinter.

Peter (05:07)

Jetzt ist Nächstenliebe, wenn man in die Bibel guckt, auch nochmal mehr. Wenn man die Bibel aufschlägt und von vorne nach hinten liest, dann findet sich irgendwo in den Büchern Mose, also relativ am Anfang, findet sich an einer sehr verdeckten Stelle ein Gebot der Nächstenliebe. Da heißt es: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

Stephanie (05:36)

Okay, und du sagst, im Alten Testament steht das gar nicht ganz prominent.

Peter (05:39)

Ja, das steht in einer Kette von ganz konkreten Handlungsanweisungen, bei denen es vor allen Dingen darum geht, dass man anderen Menschen nicht im Weg steht, sie nicht in ihrem Leben stört, sie nicht beleidigt, sie nicht kränkt. Und da geht es dann auch darum, dass man nicht Fremde ablehnt und ihnen Schwierigkeiten bereitet.

Im Kontrast dazu heißt es plötzlich mitten in diesen Regeln und Handlungsempfehlungen plötzlich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Prominent geworden ist dieser Satz vor allen Dingen im Neuen Testament, also zweiten Teil der Bibel. Und da wird an einer Stelle gesagt, das ist eigentlich die wichtigste Sache auf der Welt. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Stephanie (06:28)

Mhm. Das Gebot hat Karriere gemacht.

Peter (06:38)

Das hat Karriere gemacht und, Stephanie, auf die biblische Geschichte und wie das gekommen ist, da müssen wir nochmal bei einer anderen Folge zurückkommen. Jetzt lass uns doch erstmal gucken, wie verstehen wir denn diesen Satz?

Stephanie (06:39)

Ja, da haben wir ja schon mal eine ganze Menge Worte, die man sich da im Einzelnen anschauen kann. Da ist jetzt schon mal als erstes die Frage, wer ist denn jetzt gemeint mit meinem Nächsten? Ist das der, mit mir in der Wohnung wohnt? Sind das meine Familienangehörigen?

Peter (07:14)

in der Bibel, sind damit gerade nicht die Menschen nur gemeint, mit denen ich verwandt oder befreundet bin, sondern es geht die Menschen, die mir in meinem Umfeld begegnen, in meinem Leben. also nicht bestimmte Personen, sondern im Grunde jeder Mensch kann das sein.

Stephanie (07:26)
Das ist auch etwas, was du dann aus den Beispielgeschichten nimmst, die es dann gibt zum Thema Nächstenliebe.

Peter (07:40)

irgendwie ist es ja selbstverständlich, dass man seine Freunde mag und auch, dass man sich mit seinen Verwandten nun verbunden fühlt. Aber da wo die Forderung der Liebe in der Bibel auftaucht, geht es um die Menschen, die einem in die Quere kommen oder die mit denen man nicht ganz gut befreundet ist.

Peter (08:05)

Und die Wahrheit ist ja natürlich auch, dass wir auch unter Verwandten und unter Freunden uns manchmal gar nicht so nahe stehen und es gar nicht selbstverständlich ist, dass wir ein gutes Verhältnis zu ihnen haben.

Stephanie (08:18)

Ja, auch da kann das Gebot helfen. ich habe schon mal intensiv Bibel lesen und lernen dürfen. Und was mir da besonders aufgefallen ist, dass es schon ganz früh so eine Art Sozialgesetzgebung gibt in der Bibel. Also dass die immer auf dem Schirm haben, es gibt

die Witwen und die Weisen und die Fremden, also Menschen, die durchs soziale Netz fallen, haben. Und die müssen mitversorgt werden. Und an die ist in ganz vielen Geboten in der Bibel gedacht. Also zum Beispiel dürfen die über die Felder gehen und das Getreide einsammeln, was bei der Ernte übrig geblieben ist. Und man soll auch gezielt ihnen was übrig lassen. Und so in dem Sinne gibt es halt eine Menge Vorschriften, die auf ihren Schutz und ihre Versorgung ausgerichtet sind. Und da hat das so was ganz Praktisches und etwas, wo man merkt, hier geht es auch darum, dass eine Gesellschaft nicht auseinanderfällt und nicht Menschen an den Rändern quasi rauskippen aus dem System. Und jetzt gibt es ja aber dieses große Wort der Liebe. Also es heißt nicht hilf deinem Nächsten oder achte auf die sozial Schwachen, sondern

Es ist von dem Nächsten die Rede. Und vom Lieben. Was bedeutet dieses Lieben?

Peter (09:37)

Ja, das ist natürlich eine unglaubliche Provokation dass man Menschen, mit denen man gar nicht persönlich verbunden ist, nun lieben soll.

Also ich kann mir nicht vorstellen, dass ich zu irgendeinem fremden Menschen nun eine ganz persönliche Beziehung mitbringe, die wir sonst im Deutschen mit dem Wort Liebe bezeichnen. Sondern ich glaube, es ist was anderes gemeint. Es geht darum, dass ich kapiere und auch innerlich annehme,

dass der Mensch, er gegenüber steht, ein Mensch ist wie ich und genauso Gefühle hat und Bedürfnisse und die Liebe, die bedeutet, dass ich das tatsächlich auch ernst nehme.

Stephanie (10:33)

Meinst du, das ist damals auch so eine Provokation gewesen für die Leute, jetzt, ich glaube das ist Jesus selber, der das als höchstes Gebot bekannt gibt? Und meinst du, die Höhenden waren da provoziert und haben sich gedacht, was soll ich denn jetzt hier, der neben mir steht, wie soll ich den lieben?

Peter (10:53)

Ich glaube, es ging darum, Menschen zu lieben und nicht zu hassen. Also diese Spannung, stand im Raum und an der allerersten Stelle, wo das Liebesgebot auftritt, also lange vor Jesus, da

ist eben von Liebe die Rede in der Mitte von ganz viel destruktivem Verhalten, was man vermeiden soll. Und das ist echt eine Riesenspannung. wenn man das im Zusammenhang liest, dann muss man an der Stelle wirklich aufmerken und sagen, was? Und so ähnlich wie du sagst, es geht nicht nur Hilfe, es geht nicht nur um ein irgendwie geartetes Miteinander, sondern da steht plötzlich das Ausrufezeichen der oder die nächste ist ein Mensch wie du und nimm ihn so wie dich.

Stephanie (11:46)

Und es ist anspruchsvoll, sobald das Wort lieben kommt, ist es anspruchsvoll. Und dann finde ich das ja fast eine Hilfe, dass du sagst, erstmal geht es vor allen Dingen darum, den anderen als Menschen anzuerkennen und anzuerkennen, dass er genauso Mensch ist wie ich.

Stephanie (12:12)

Peter, wir haben über Nächstenliebe geredet und du hast gesagt, in diesem Gebot, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, da geht es um Respekt. Ist das nicht ein bisschen zu wenig für dieses große Wort lieben?

Peter (12:29)

Nächstenliebe ist mehr als Respekt. Zur Nächstenliebe gehört auch dazu, dass man auf den anderen zugeht. Man kann nicht auf Distanz bleiben, sondern es ist wichtig, dass man in seine Nähe geht und ihm zum Beispiel in der Notsituation hilft.

Aber Respekt ist auch ein wichtiger Aspekt davon, weil im Gebot der Nächstenliebe geht es die Gleichwertigkeit aller Menschen.

Das steckt in diesem rätselhaften Liebe dein Nächsten wie dich selbst. Damit kann ja nicht gemeint sein, dass ich zu

Stephanie (13:05)

Okay, was ist daran rätselhaft?

Peter (13:10)

irgendeinem anderen Menschen ein ganz intensives, persönliches Verhältnis habe, sondern es muss darum gehen, dass ich ihn ansehe als ein Menschen wie mich selbst, ihn als gleichrangig, gleichwertig und auch gleichartig wahrnehme.

Stephanie (13:31)

du sagst, „wie dich selbst“ dieses letzte, liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, das verstehst du, sagst du, das ist schon übertragen gemeint, das ist gar nicht so wörtlich gemeint, weil du es für nicht möglich hältst. Und deswegen sagst du, es geht gar nicht um ein intensives, enges Verhältnis des Liebens, sondern um den gegenseitigen Respekt und die Anerkennung des anderen als Menschen. Du bist ein Mensch wie ich. Die Formulierung habe ich mal von dir gehört.

Peter (14:01)

Ja, das geht auf eine Übersetzungstradition aus der jüdischen Tradition zurück. Da gibt es diese Übersetzung, liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du. Und der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat diese Übersetzung, die irgendwo versteckt war, in seiner Bibel-Übersetzung wieder rausgebracht. Und seitdem ist das ein Thema, ob man diesen zweiten Teil des Satzes anders übersetzen muss.

Und die Exegeten streiten drüber. Es ist beides grammatikalisch möglich.

Aber Stefanie, das beantwortet deine Frage natürlich noch nicht ganz, denn die Liebe, die steckt ja am Anfang drin. Und in der Tat denke ich, dass man zu einem unbekannten anderen Menschen oder einem Menschen, mit dem ich gerade nicht befreundet oder verwandt bin, jetzt kein ganz intensives persönliches Verhältnis haben kann, das wäre widersprüchlich. Sondern der wichtige Punkt ist, dass man, so fremd der andere Mensch mir auch sein mag oder auch so unbekannt, ich mich doch als Mensch in ihn hineinversetzen kann und im Grunde auch davon ausgehen kann, dass er so ähnlich ist wie ich. Und dann heißt das Gebot, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Bitte geh immer davon aus, der andere ist wie du. Der ist ein Mensch wie du. Und bitte, nimm da Rücksicht drauf.

Stephanie (15:42)

ich nehme dies als eine große Relativierung wahr von etwas, was natürlich ein hoher Anspruch ist. Einmal selber habe ich natürlich total ernst genommen. einer ganz großen Neigung, die Dinge wirklich zu nehmen. Habe ich tatsächlich das als Maßstab für mich und meine Einstellung Menschen gegenüber, dass ich erstmal mit einem großen Vorschuss vertrauen,

anderen begegne, auch Fremden begegne, also mit diesem völligen Vertrauen auf Gott und Gottes Gebot, zu sagen, der andere, und was heißt das jetzt übersetzt, dann würde ich sagen, der andere ist Mensch, der hat Gefühle, Gedanken, Emotionen, Antriebe, existenzielle Bedürfnisse, genau wie ich, der möchte wahrscheinlich, wie ich, wohnen, möchte ein sicheres Einkommen haben, der möchte für seine Kinder sorgen können.

Und oft sind es genau diese Dinge, wenn die gefährdet sind, dass Menschen dann übergriffig werden oder Grenzen verletzen und Regeln verletzen. Also es ist oft ein existenzieller Antrieb, der einen dazu führt. Weswegen ich erstmal den Anspruch an mich habe, Menschen gegenüber sehr offen zu begegnen, ihm viel Vertrauen entgegenzubringen und sobald wir in der Nähe sind, ihn so zu behandeln, als könnte er potenziell auch ein sehr guter Freund werden. Und im Umkehrschluss hat es für mich den Anspruch, dass ich auch sehr freundlich zu mir selber bin. Also die Nachsichtigkeit, die ich anderen gegenüber aufbringen möchte, die übe ich auch mir selbst gegenüber.

Wenn ich dich über Respekt reden höre, dann kitzelt das was bei mir, dass denke, nee, ich will das nicht runterschrauben. Respekt ist mir zu wenig. Ich finde dieses Lieben wesentlich. Und ich glaube auch, dass es im Moment der Begegnung das Wort „lieben“ besser trifft. Jetzt nicht im Sinne von, sagen wir mal, Stolz und Vorurteil und man ist schwer verliebt und romantisch schwärmt so. Ich glaube, man darf das auch lieben eher so umfassen, dass man den anderen wahrnimmt und Realitäten wahrnimmt und auch ansprechen kann. Aber Respekt mir zu wenig.

Peter (18:02)

ich finde den Gedanken sehr schön, dass jemand anders, den ich nicht kenne, ein Freund sein könnte Das finde ich einen sehr, sehr schönen Gedanken. Und das geht natürlich über Respekt hinaus.

Ich bin jetzt, was Nächstenliebe angeht, von der Praxis der Diakonie geprägt. Und da ist, glaube ich, der Hauptpunkt, dass man tatsächlich mit dem Nächsten irgendwie klarkommt. Das heißt, die innere Motivation oder was das mir bedeutet, das tritt dann in den Und da liegt eine gewisse Nüchternheit drin.

Stephanie (18:19)

Mhm. Ich habe so ein paar Bezugspunkte selber zu Diakonie gehabt, ich habe in meinem Freundeskreis Menschen mit körperlicher Behinderung, die Rollstuhlfahrer, meistens spastische Lähmungen von Geburt an. Und hatte da auch, wenn wir zusammen unterwegs waren, mit Pflege und Assistenz zu tun. also in dieser Praxis würde sich das für mich nochmal verschieben hin zu, ich könnte betroffen sein. Also da würde ich das, er ist wie du, übersetzen als mir könnte es genauso gehen, wie würde ich wollen, dass man mir in der Situation begegnet

Peter (19:13)

Für mich hängt dieses Liebesgebot eng mit dem zusammen, was du gerade aufgerufen hast, nämlich der goldenen Regel. Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen. Dass ich mich in die andere Person reinversetzen kann und dass das dann ein Gewicht hat, auch gegenüber meinen eigenen Einstellungen. Also gerade wenn du dran denkst, dass du jemanden beim Waschen unterstützen muss, dieses sich hineinversetzen, das ist der Punkt. ein anderer Punkt ist auch aus der Arbeit in der Diakonie, dass man, wenn man ich sag mal überschwänglich auf andere zugeht, natürlich auch leicht dabei ist, sie zu überfordern oder ihnen was anzubieten, was eigentlich überhaupt nicht in ihr Leben passt. Was man Paternalismus nennt, dass man denkt, ja, ist jetzt jemand, der benutzt einen Rollstuhl und ich muss den jetzt gleich irgendwo hinschieben, weil ich ganz sicher bin, dass ich weiß, wo der hin will.

Stephanie (20:11)

Gott. Also da können meine Freunde schreckliche Dinge erzählen. ja, Also bis hin zum Taschentuch, was ihnen an die Nase gedrückt wird, Schrecklich.

Peter (20:22)

Und da hilft Respekt, aber es ist zu kühl. Das ist ganz klar.

Stephanie (20:27)

Das finde ich einen guten Balance-Marker ich habe ja dafür geworben, Liebe umfänglicher zu verstehen und potenzielle Freundschaft. es prägt eher meine Haltung dem anderen gegenüber als meine Erwartung.

Peter (20:43)

Für mich ist dieser Gedanke der Gleichrangigkeit aller Menschen und dass ich mich in einen anderen ‚rein versetzen kann, der ganz anders unterwegs ist, eine Richtung, die interessant ist und auch hilfreich, zum Beispiel auch, um Konflikte zu moderieren.

Stephanie (21:01)

Absolut. Wenn einen etwas ganz langfristig beschäftigt, dass man dann sich das gönnt, dass man einmal aus der eigenen Wut und der eigenen Gekränktheit oder was auch immer einen bewegt, rauskommt und sich in die andere Person reinversetzt. Wenn man darin ein bisschen Übung drin hat, sieht man relativ schnell, ja, naja, aus ihrer Perspektive ist das völlig nachvollziehbar, dass sie reagiert, wie sie reagiert. Aber das werden wir uns, glaube ich, auch nochmal angucken. Thema Konflikte setzen wir auf die Tagesordnung.

Stephanie (21:41)

Ich meine das mit dem Lieben, als Anspruch ernst. Also nicht dass ich damit einen Anspruch auf den anderen habe und sag so wir werden jetzt Freunde, weil da steht das Gebot der Nächstenliebe sondern als Haltung, die ich selber habe: Potentiell könnten wir Freunde sein. Und so mit diesem Vertrauen, mit diesem Interesse an deiner Person, mit dieser Offenheit auch oder Ehrlichkeit begegne ich dir – und das im Wahren der eigenen Grenzen und der des anderen. Aber es prägt schon sehr meine Haltung. Also da merke ich, dass mein Christlich-Sein und auch diese Überschrift über diesem Gebot, dass das das höchste Gebot ist.

Das macht es mir tatsächlich auch sehr wichtig, mich an dem auszurichten und zu orientieren.

Peter (22:31)

ich finde es spannend, wie du sagst, okay, ich gehe auf Menschen zu und denke: Wir könnten befreundet sein, sie könnten meine Freunde sein. Das finde ich sehr sympathisch, auch so auf die Welt zu blicken und auch auf Menschen zuzugehen.

Peter (22:49)

Aber Stefanie unter Nächstenliebe verstehe ich noch etwas anderes. Ich gehe nochmal zurück in die Geschichte mit meiner alten Nachbarin auf der anderen Straßenseite. Sie ist mitten in der Nacht aufgestanden, ihrem Nachbarn, mit dem sie sich nicht verstanden hat, zu helfen. Nachher haben sie sich gut verstanden. Aber was sie bewegt hat, das war nicht Freundschaft.

Stephanie (23:15)

Ich würde ja auch auf jeden Fall sagen, dass das ein Fall von Nächstenliebe ist. Und jetzt hatten wir zu dem Vers, den wir uns heute anschauen, zum Thema Nächstenliebe, haben wir uns den Nächsten angeschaut. Wer ist gemeint? Das ist der, der sich gerade aktuell in meinem Dunstkreis bewegt, wie auch immer sich das gestaltet. Also in meinem Fall, ich habe zwei Kinder im Schulalter.

sind das auch viele Eltern, mit denen ich dann zu tun habe, weil die Kinder befreundet sind oder man gleiche Wege hat und man sich da auch irgendwie unterstützt gerne. Oder es sind natürlich die Nachbarn, die Nachbarschaft, die man hat, aber auch Menschen, denen man sonst beruflich zu tun oder in Vereinen mit Menschen zu tun.

Und jetzt hatten wir uns angeschaut, was heißt dieses Lieben. Und wo wir uns einig sind, ist, dass ist das Anerkennen, dass der andere ein Mensch ist, wie ich.

Was viele Menschen sehr anspricht heute, habe ich den Eindruck, ist dieser letzte Versteil: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist glaube ich gerade so in dieser ganzen Wellness und und Selbsterkenntnis Sparte ist man da heute glaube ich ganz gut dabei, sich mit diesem Vers zu identifizieren. Aber das schauen wir uns glaube ich nochmal extra an, was dieser Vers-Teil eigentlich bedeutet.

Peter (24:43)

Das gucken wir uns auf jeden Fall noch näher an. Also wir sind uns einig, dass Frau Zorn aufstehen, mitten in der Nacht. Das ist ein Fall von Nächstenliebe.

Und wir sind auch beide begeistert, dass Menschen so was tun einfach und dass nachbarschaftliche Beziehungen entstehen, so aus dem konkreten Sich-Helfen. Und ich glaube du sagst ja, das kann eine Haltung werden. Wenn man das weiß, kann man eigentlich von vornherein auf Menschen so zugehen, dass man mit ihnen Alltagsprobleme lösen könnte und auch einfach ein gutes Verhältnis haben könnte.

Stephanie (25:22)

Ich glaube ehrlich gesagt, dass wir Menschen als soziale Wesen geschaffen sind und genau darauf angewiesen sind. insofern ist das vielleicht auch ein soziales Gebot, dass Jesus Menschen darauf hinweist, dass sie soziale Wesen sind und eigentlich mit jedem so umgegangen werden sollte als Mensch mit Würde und Respekt. Dass anders eine Gesellschaft eigentlich nicht funktioniert, wir sind angewiesen aufeinander.

Peter (25:49)

Also es geht einfach darum, ein Mensch unter Menschen zu sein. es geht die Grundlage, dass wir uns als Menschen begegnen. Und das ist wie so ein Fundament, dem dann vieles andere aufbaut. auch ein Fundament, das ignoriert wird, was verschüttet ist, an das man wieder erinnern muss.

Stephanie (26:13)

Also worüber zumindest im Moment nicht so viel gesprochen wird wie über alles was uns trennt in der Gesellschaft. Von daher finde ich ja gut, dass wir diesen Podcast machen und uns über das unterhalten, was uns zusammenbringt. Und da finde ich übrigens auch dieses Beispiel von Frau Zorn fast ein bisschen ein Sonderfall, denn so oft im Leben hoffentlich sind wir gar nicht in der Notlage, dass wir angewiesen sind auf Hilfe. 

Wenn man jetzt nicht in der Diakonie arbeitet wie du, dann kommt man gar nicht so oft in die Verlegenheit, dass man die Möglichkeit hat, anderen Menschen zu helfen. Da würde ich eher fragen, was heißt Nächstenliebe in meinem ganz normalen Alltag, wenn mir nicht gerade ein Notfall vor die Füße schlittert,

Peter (27:02)

Sehe ich auch so, dass der Alltag ganz wichtig ist. Ich finde, wenn man sich die Notfälle anguckt, dann sind das oft auch ganz große Chancen, ein Mensch zu sein und wieder menschlich zu werden und die Grundbedürfnisse anzuerkennen und wegzuschieben, was uns möglicherweise trennt. Also Notfälle sind auch Punkte, man Mensch werden kann. Und das ist eigentlich ganz wunderbar. wenn man das weiß, guckt man vielleicht auch mehr nach Situationen, die nicht zwingend ganz gravierende Notfälle seien, so dass der Rettungswagen vor der Tür steht. Man guckt nach Gelegenheiten, wo man dieses Elementare, dieses, was uns verbindet.

Stephanie (27:50)

Ja, das glaube ich auch.

Peter (27:53)

Wenn man das entdeckt und auch tatsächlich was tut. ich glaube, das Tun ist wichtig und verändert viel. Verändert auch in den Gefühlen viel.

Stephanie (28:04)

Mhm. Ich würde sagen, beim nächsten Mal tauchen wir noch mal stärker ein bei diesem Hilfethema. Braucht es eigentlich, jetzt Nächstenliebe zu üben in seinem Alltag oder wie immer man es für sich nennen mag, braucht es dafür jemanden, der das organisiert oder geht das auch einfach so?

Peter (28:26)

Ja, spannend, freue ich mich drauf. Mach’s gut, Stephanie.

Stephanie (28:29) :Tschüss!

Referenzen:

Peter Bartmann, Nächstenliebe. Das biblische Gebot – eine Inspiration für heute, Freiburg: Herder 2024. https://www.herder.de/theologie-pastoral/shop/p2/83595-naechstenliebe-gebundene-ausgabe/

Martin Buber – jüdischer Philosoph und Bibelübesetzer

Diakonie – die soziale Arbeit der evangelischen Kirche

Transkript Folge 3: Nachbarschaften brauchen Treffpunkte – und Leidenschaft

Ja und herzlich willkommen liebe Hörerinnen und Hörer zu unserem Podcast Nächstenliebe und Nachbarschaft. Wir wollen heute wissen, wie man eigentlich zu einer guten Nachbarschaft kommt. Wie entsteht so was? Braucht man jemanden, der das organisiert? Peter, du hast dazu hast du uns dazu was mitgebracht?

Peter (00:33)

Genau, in unserem Quartier wird nämlich gerade eine Umfrage zur Nachbarschaft gemacht, und zum Quartier. Und da lag in unserem Postkasten eine Postkarte mit einem QR-Code und da konnte man an einer Umfrage teilnehmen. die Umfrage, die hat zwei

vor allen Dingen gehabt, die mich da beschäftigt haben. Die eine Frage war, welche Orte gibt es bei Ihnen in der Nachbarschaft, an denen sich Menschen treffen? Und dann sollte man sagen, welchen von diesen Orten nutzt man dann eigentlich? Und die Umfrage wird gemacht von einer Studentin, an der Technischen Uni

Stadtplanung studiert, MIA heißt sie, und ich habe jetzt bisher einfach nur teilgenommen an der Umfrage, aber die beiden Fragen habe ich weiter beschäftigt.

Stephanie (01:33)

Mhm.

Und was hast du für dich rausgefunden? Welche Orte gibt es bei euch, wo Nachbarschaft entsteht?

Peter (01:40)

Also bei uns gibt es Sportvereine, mehrere Sportvereine nebeneinander. Es gibt mitten im Kiez eine Kirche mit einem Gemeindehaus. Es gibt auch einen Kiez-Treffpunkt, der in einem alten Friseurgeschäft läuft und wo sich Leute zusammentun und verschiedene Dinge tun.

Stephanie (01:46)

Mhm.

Mhm.

Peter (02:07)

Da kann man zum Beispiel mittwochs Eintopf essen. da gibt es verschiedene Hobbygruppen. Also bei uns gibt es schon Treffpunkte. Mir sind welche eingefallen.

Stephanie (02:13)

Mhm.

Also ihr habt auch, das sind ja ganz unterschiedliche Strukturen. Da sagst du einmal Vereine. Da haben sich also Menschen zusammengetan, die ein ähnliches Interesse haben. Und dann aber eben auch Räume. Also wenn du sagst Kirche, hat ein Gemeindehaus. Das sind ja Räume, die man potenziell nutzen kann, wenn man Lust hat, Menschen zu treffen. Und diesen Kiez-Treffpunkt. Sowas finde ich auch immer cool. das klingt für mich so bisschen unabhängig. Und wenn dann so unterschiedliche…

Leute da ihren Ort finden. Gleichzeitig sieht man da auch erstmal, was es eigentlich alles gibt und wo man sich anschließen könnte, wenn man irgendwie das Interesse dran hätte.

Peter (02:56)

Der Kiez-Treffpunkt ist relativ neu. das gab es bisher noch nicht. Wenn man dann noch bisschen näher drüber nachdenkt, sieht man, es gab auch schon vorher Treffpunkte. Zum Beispiel gibt es bei uns die Ecke auch einen Schützenverein.

Stephanie (03:01)

Mhm.

Okay.

Peter (03:13)

in der Gestaltung schon ganz in die Jahre gekommen ist. haben so ein altes Bahnhofsschild bei sich stehen. Also ich bin da noch nie reingegangen, aber es ist ganz klar, da treffen sich Leute, wahrscheinlich wöchentlich. Da kann man Schießen lernen, kann sich wahrscheinlich auch treffen, ein Bier zu trinken. es ist auf den zweiten Blick gibt es eigentlich erstaunlich viel, aber

Stephanie (03:16)

Mhm.

Peter (03:38)

Kein Treffpunkt ist, glaube ich, für alle Menschen da.

Stephanie (03:40)

Und so habt ihr ja schon eine ganze Breite an Angeboten, in eurer Umgebung

Peter (03:44)

Wie sieht es denn bei dir aus?

Stephanie (03:46)

Ja, also ich würde sagen, unsere Dorfkultur hier ist auch ganz rege dabei. Wir haben einen Sportverein, der hier auch mit anderen Dörfern zusammenarbeitet in der Umgebung, sodass es da auch einen Austausch gibt. Also unsere Fußballjungs zum Beispiel, die trainieren immer auf einem anderen Sportplatz hier auf den Dörfern. Das finde ich ganz interessant, weil das dann Nachbarschaft dann natürlich nochmal größer

fasst auch zum Nachbardorf hin und man die Kontakte pflegt. Und es gibt eine freiwillige Feuerwehr, die ist sehr rege dabei, hier unseren Jahresfestkreis mit zu bestimmen. Also das ist jetzt am Wochenende zum Beispiel werden bei uns die Weihnachtsbäume verbrannt und da gibt es dann nochmal Glühwein und Rostbratwurst. Das ist ungefähr dasselbe Programm, was auch schon im Advent lief. Da haben die einen kleinen Adventsmarkt veranstaltet.

Also das ist tatsächlich so, dass sie so über die ganzen Jahreszeiten hinweg Feste veranstalten und die Feuerwehr da auch immer mit vorne dabei ist, Feuerwehr oder Sportverein und auch die Kirchengemeinde. Also diese Gruppen sind hier vernetzt und man sieht im Grunde immer dieselben Menschen.

Aber, also zum Beispiel auch unser Pastor ist beim Adventsmarkt dabei und stimmt das Adventslieder-Singen an. Und das ist eine ganz schöne Stimmung und Atmosphäre. Und damit man davon erfährt, gibt es bei uns einmal den Schaukasten oder die Schaukästen der Gemeinde, die so in den Ortsteilen stehen.

Da sind natürlich die offiziellen Einladungen drin. Es gibt aber neben diesen Schaukästen auch ein großes schwarzes Brett. Das Lustige daran ist, dass das tatsächlich mal schwarze Bretter sind. Das sind sehr große Tafeln aus so altem Holz, was völlig verwittert ist und dann eben tatsächlich schwarzes Brett. Und da kann dann eben jeder auch seine Einladung dran heften.

da werden dann gerne mal so Interessengemeinschaften ausgeschrieben. Also, ich würde gerne Freitagabend 18 Uhr Tischtennis spielen im Dörphus. Dörphus heißt das hier, Dorfhaus auf Platt, auf Pormersch. Und dann, das ist auch eine Weile gelaufen, so wie ich das mitbekommen habe. Oder es gibt hier so eine Volleyballgruppe und die haben dann auch gesagt, Mitte April geht unsere Saison los, wir suchen noch

Mitspielerinnen und Mitspieler und im Sommer machen die dann so ein kleines Volleyball-Turnier und laden dann ein zum Bürgermeisterinnenpokal und dann sind auch die Nachbarorte dabei und der Jugendclub. Also es gibt hier schon so einige Räume, unterschiedliche Räume auch für unterschiedliche Altersgruppen, ein Seniorenkreis.

und die sind aber gleichzeitig auch immer mal wieder vernetzt und finden zusammen. Es gibt die Feste. Also das sind eigentlich ganz unterschiedliche Strukturen, die so geschaffen sind und eine gute Informationsstruktur finde ich durch diese Bretter auch und dadurch, dass das für alle offen ist, da sich auch kund zu tun.

Peter (06:59)

Das klingt eigentlich ganz rund. Fehlt hier irgendwas?

Stephanie (07:01)

Also wir sind ja jetzt gerade Familie mit zwei Schulkindern, da ist man ohnehin viel unterwegs. Aber so ein Ort, wo man damit gut zusammen unterwegs ist, den gab es bis jetzt noch nicht. Das ist mir aber erst aufgefallen, als die Kirchengemeinde eingeladen hat zu einem Spielenachmittag. Der wird jetzt diese Woche stattfinden, am Freitag.

Nachmittag, da bin ich schon sehr gespannt drauf, und die Einladung ist dezidiert an die ganze Familie. Also es gibt für Jugendliche eine riesige Tischtennisplatte, an der man sich verausgaben kann, und für die Eltern wird Elterncafé angeboten. Da gibt es so verschiedene Angebote mit, also man kann beim Pastor Gitarre lernen es gibt ein Erzählangebot, für die kleineren Kinder.

Das ist so gedacht, dass man tatsächlich als ganze Familie hinkommen kann und zusammen Spaß haben kann. als dieses Angebot da war, dachte ich, ach Mensch, guck mal, wie schön. So normalerweise bringe ich meine Kinder irgendwo hin und setze die ab und die machen da ihr’s und dann kann ich wieder kommen und sie holen. ein Familienangebot zu haben, dachte ich, das finde ich richtig cool.

Peter (08:13)

Mir fällt noch eine Sache auf bei dem Fußball. Da hast du gesagt, dass ihr mit einem anderen Dorf zusammen das organisiert. interessant, dass jetzt manchmal auch Vereine sich zusammentun, ⁓ Kinder- und Jugendmannschaften zu bilden, die früher total verfeindet waren und gegeneinander gespielt haben. Und jetzt ist das so, dass man dann plötzlich

Stephanie (08:16)

Ja.

Peter (08:41)

nicht mehr im Fußballverein seines Dorfes ist, sondern man ist irgendwie in so Art Spielgemeinschaft. Das ist ein Punkt.

Klar.

Stephanie (08:48)

Also anders

würden die dann nicht mehr überleben. Sie kriegen selber keine Mannschaft mehr zusammen. Aber wenn man sich so zusammentut, dann geht es eben doch. Und dann stellt man fest, eigentlich alle nur Fußball

Peter (09:02)

Und das heißt, dass Nachbarschaft auch weiter gefasst sein kann als jetzt gerade das Viertel oder das Dorf, dem man lebt.

Stephanie (09:11)

Ja, also das ist ja was jetzt hier, würde ich sagen, auf dem Dorf einfach mit den Strukturen, die da sind, zusammenhängt, dass wir ja längst mit mehreren Orten zusammen verwaltet werden und mit mehreren Orten zusammen existieren und dann eben auch die Feste zusammen gefeiert werden. wenn hier im Nachbarort Dietrichshagen Dorffest ist, dann sind wir da.

natürlich herzlich eingeladen und man teilt das miteinander. Also ich glaube, ist schon noch in großen Teilen tatsächlich getrennt und macht so jeder seins, aber man nimmt schon mehr wahr, würde ich sagen, was jetzt so beim Nachbarn ist und ob man nicht doch auch mal rübergeht.

Peter (10:00)

Also ich verstehe das so, dass Nachbarschaft schon Orte braucht, an denen sie stattfindet. Also nicht nur Menschen, die grundsätzlich bereit sind, aufeinander zuzugehen, sondern auch Treffpunkte. Und da steckt doch auch immer Organisation dahin.

Stephanie (10:15)

Ja, auf jeden Fall. Und dann ist aber eben schon auch die Frage, wer geht hin? Also nutzt es jemand, Also der Verein besteht nur, wenn Menschen da sind und ein Interesse teilen und Lust drauf haben, Fußball zu spielen zum Beispiel oder Volleyball und sich dann eben tatsächlich auch treffen. Wenn man nicht hingeht, findet es nicht statt, ne?

Kennst du Menschen, die solche Angebote nutzen?

Peter (10:44)

Ich habe bis vor wenigen Jahren in der Nachbarschaft eigentlich ganz wenig erlebt, weil ich beruflich immer anderswo war. Das war anders in der Zeit als unsere Kinder klein waren, aber die letzten Jahre bin ich morgens in die U-Bahn gestiegen und weggefahren und oft abends spät zurückgekommen.

Stephanie (10:53)

Hm?

Ja, da kriegt man nicht viel mit von seinen Nachbarn.

Peter (11:08)

Und der Kiez-Treff war für mich der Punkt, wo ich dachte, okay, ich kann jetzt noch nicht so viel Zeit investieren, aber ich mache da mit und bin da reingegangen. Das ist eine Genossenschaft, da bin ich Mitglied. Und das ist mir wichtig und ich nehme mir das vor, da auch mehr präsent zu sein.

Stephanie (11:15)

Mhm.

Ach, tatsächlich.

Mhm.

heißt, du kennst aber die Leute, es machen, weil du bist ja mit in der Genossenschaft. Aber du hast selber noch nicht unbedingt andere Angebote wahrgenommen.

Peter (11:37)

So ist das,

Stephanie (11:39)

Also du gehörst zu denen, die Räume zur Verfügung stellen.

Peter (11:42)

Also ich glaube, das ist für viele Leute so dieses Thema Zeit. Dass man im Grunde eigentlich auch Lust hat, auch Tischtennis zu spielen, würde ich super gerne. Und wir haben auch eine Tischtennisplatte hier im Park. Aber ich sage dann immer, ich habe keine Zeit. Da ist wahrscheinlich auch was falsch dran. Das sagt man so total leicht. Aber erst mal empfinde ich so.

Stephanie (11:48)

Mhm.

Mhm.

Ja, aber es ist natürlich der entscheidende Faktor. gerade, also wir sind berufstätig, soweit wir das sein können und eine gute Arbeit haben und wir sollen ja am liebsten auch in Vollzeit berufstätig sein und dann heißt das, man verbringt acht Stunden am Tag schon mal mindestens auf seiner Arbeit und hat oft noch die Pendelzeiten. Also wenn man dann noch Familie zu Hause hat oder Kinder von A nach B bringt,

dann ist schon die reine Zeit, die übrig bleibt, ja gar nicht so groß. Aber ich habe die Gelegenheit des Schwarzen Brettes mal genutzt und bin zu diesem Volleyball-Turnier gegangen diesen Sommer, was bei uns angeboten wurde, der Bürgermeisterinnenpokal, und habe dort schon mal das Gespräch gesucht zu den Leuten. Ich will eigentlich schon ganz lange hin zum Volleyball-Treff.

Und das hat jetzt wirklich Jahre noch nicht geklappt, während andere Dinge in meinem Leben funktionieren. Das hat noch nicht geklappt. dann habe ich aber gedacht, jetzt lernst du die Menschen wenigstens schon mal kennen und dann hast du so bisschen Gefühl dafür, wie die so sind. Und das ist eine total nette Truppe, die einfach Spaß haben am Volleyball und sich so gerne treffen, die spielen draußen und es gibt keine Halle.

sodass es eigentlich eine Winterpause gibt. Aber das zu überbrücken, machen sie im Winter Rückengymnastik. Und dann bleibt sozusagen dieser Zeitspot weiter belegt und sie sehen sich auch im Winter. das ist wirklich eine gute Motivation. Man hat einmal den Benefit davon, dass man Sport macht und sich bewegt.

Aber auch, dass man Menschen sieht, die einem guttun, die man mag. dann … Also, die, die das hauptsächlich mit organisiert ist, ist Grundschullehrerin und sehr junge Mama. Und hat also auch genug auf der Platte. Aber das ist etwas, was ihr quasi Energie gibt. Und sie selber auch motiviert und anfeuert. Und deswegen hält sie das eben auch recht.

Das hat sie ihr Baby halt mit dabei. Volleyball findet statt. im Grunde ist das, glaube ich, der Punkt, den man für sich finden muss. Bei dieser Frage, wo knüpfe ich an, ist eben schon auch die Frage, wo sind meine eigenen Leidenschaften. Ich gehe nicht zum Stricken, wenn ich nicht gerne stricke. Dann ist es schön, wenn es einen Stricktreff gibt und Menschen das nutzen. Aber …

dann ist es nicht für mich. man kann immer die Angebote angucken und sagen, das alles nicht für mich. Ja, aber was ist denn für dich und willst du da nicht vielleicht selber was anbieten? Gibt es deins? die Dinge gibt es nur, weil Menschen sie anbieten und sich da zusammengefunden haben.

Peter (14:55)

Mein Startpunkt hat damit zu tun, ich jetzt mehr Homeoffice mache. Und dann ist mir klar geworden, dass ja wahrscheinlich hier im Quartier ganz viele Homeoffice machen. Und ich will in dem Kieztreff in der Frisierkunst, so heißt die, da will ich ein Treff für Leute machen, die zu Hause arbeiten

Stephanie (15:00)

Mhm.

Mhm.

Peter (15:17)

Und mein Punkt ist dabei, dass ich eigentlich sehr gerne mit Kolleginnen und Kollegen zusammen arbeite und deshalb im Homeoffice bin ich tendenziell zu allein. Und jetzt denke ich mir, da kann man doch vielleicht was machen und da gibt es jetzt diesen Ort. Das heißt, das findet jetzt nicht hier in meinem unaufgeräumten Zimmer statt. Und mal gucken, ob das funktioniert.

Stephanie (15:32)

Mhm.

Mhm.

Ja, spannend.

Peter (15:51)

Stephanie, ich bin echt überrascht, wie viele Orte es bei euch im Dorf gibt. einen Ort habe ich vermisst, nämlich die Dorfkneipe. Gibt es die bei euch nicht mehr?

Stephanie (16:02)

Es gibt die Dorfkneipe, die Schwedenschanze. Die ist aber zu. Also die kann nicht mehr als Restaurantbetrieb hier geführt werden und ist so ein Festort. Also wenn hier Fasching ist, dann findet der in der Schwedenschanze statt. So da reicht das Dorfhus nicht aus dafür. Aber da sind wir früher mal Ausflugsort gewesen für die Greifswalder Die sind hier mit der kleinen Bahn, die es nicht mehr gibt.

aufs Dorf gefahren und sind dann hier gewandert im Wald und haben sich in der Schwedenschance ein Eis am Stiel geholt, habe ich mir erzählen lassen. Aber Eis am Stiel scheint so ein Geschäft nicht am Leben zu erhalten, langfristig. Also dieser Ort existiert nicht. Und ich habe tatsächlich auch eine Weile gebraucht, bis ich das so verstanden habe, was es hier eigentlich so an Dorfinfrastruktur gibt. Also bis man dann so den Jahreskreis verstanden hat und alle Gruppen mal eingeladen haben zu ihren

Veranstaltungen und man dann so einen Überblick hat, was es eigentlich tatsächlich so alles gibt. Das dauert eine Weile. Und dann auch das zu erwischen, finde ich, was so das eigene sein könnte. vor fünf Jahren Hätte ich noch gesagt, ja, hier ist nicht viel los.

inzwischen kann ich es bisschen besser überblicken und würde sagen, hat eine super Infrastruktur, super Grundinfrastruktur. Aber man muss das schwarze Brett schon lesen und man muss es mitkriegen und man muss es mitkriegen wollen Was bei euch wahrscheinlich ganz genauso, ne?

Peter (17:23)

Also bei uns gibt es kein schwarzes Brett mehr, das gab es eine Weile lang beim Supermarkt.

Stephanie (17:28)

Mhm.

Peter (17:28)

läuft jetzt alles immer digital.

Stephanie (17:30)

Mhm. Ach Gott.

Aber guck mal, da muss man ja schon vernetzt sein, um’s mitzubekommen, oder?

Peter (17:37)

Na gut, es gibt bei uns nebenan.de, das ist so eine Plattform. Aber das sind natürlich lange nicht alle Bewohner hier im Viertel. Aber immerhin so um die 2500 sind da drin, hier im Viertel.

Stephanie (17:40)

Mhm.

Wow! Von euch im Viertel?

Ja, das klingt doch super!

Peter (17:51)

Schon, ja. Ich glaube, du könntest damit was anfangen. Da geht es nämlich super viel ⁓ Familien mit Schulkindern und da werden Schulranzen weitergegeben und ich habe da auch neulich mal einen Sitzsack von meinem Sohn, der irgendwo liegen geblieben war, weitergegeben.

Stephanie (18:01)

Mh!

Peter (18:12)

Aber Stadt und Land, also ich hatte mir vorgestellt, dass es euch viel traditioneller zugeht. Seid ihr eigentlich ein junges Dorf? Das kommt mir so vor, das klingt alles so modern.

Stephanie (18:21)

Naja, also ich finde bei Dorf muss man schon dazu sagen, dass wir hier hart der Speckgürtel von Greifswald sind. Also und Greifswald hat eine große Universität, eine große Universitätsklinik, Also wir haben hier so ein Universitätspublikum, was es sich auch leisten kann, Häuser zu bauen. Und hier in Weitenhagen ist in den 90er Jahren so zwei große Siedlungsgebiete entstanden.

mit Einfamilienhäusern und jetzt gerade ist neu gebaut worden. da hat sich tatsächlich auch nochmal der Altersdurchschnitt krass gesenkt, weil einfach nochmal neue junge Familien mit auch sehr jungen Kindern zum Teil sich hier angesiedelt haben das merkt man schon. Also insofern ist das, glaube ich, auch nochmal was anderes als was man sich jetzt hier auf dem Pommerschen Land vorstellt. Das muss man schon sagen.

Ich würde sagen, wenn ich jetzt mit meinem Blick, den ich jetzt hier aus Weitenhagen habe, aufs Pommerche Dorf fahre, dann sehe ich da auch die Vereine und die Dorfhäuser und einen Kindergarten gibt es eben oft noch und also auch so eine Grundinfrastruktur, wo ich vermuten würde, dass es am Ende ganz ähnlich funktioniert wie bei uns auch, vielleicht ein bisschen abgespeckt.

Peter (19:32)

Was machen eigentlich die Männer? Ich frage das deshalb, weil in dem Dorf, in dem ich vor Jahren aufgewachsen bin, da gab es eben drei Dorfkneipen und da saßen abends die Männer zusammen und haben Apfelwein getrunken, Ebbelwoll, das war im Hessenland. Diese Kneipen gibt es da auch nicht mehr, aber …

Stephanie (19:41)

Hm?

Peter (19:55)

Mir kommt es immer merkwürdig vor, weil mir das noch so vertraut ist, dass abends die Männer irgendwo eintrinken gehen. Wie ist das bei Euch?

Stephanie (20:01)

Ja, hier

geht abends niemand einen trinken. man müsste nach Greifswald fahren, dort könnte man das machen. Aber auch das finde ich eher dünn so. Das sind eher so die, Studenten, die dann abends mal noch mal feiern gehen. ähm, also was machen wir abends, Peter? Wir sitzen natürlich vor dem Bildschirm und gucken eine Serie oder

Stephanie (20:36)

Peter, also wir haben jetzt festgestellt, es braucht doch irgendwie so eine Grundinfrastruktur, damit Menschen sich begegnen können und ihre Interessen sich zusammenfinden und man voneinander weiß überhaupt, kein schwarzes Brett und keine Plattform und wie soll man voneinander erfahren, aber kein Dörpus oder kein Kiez-Treff und schon

ist die Frage, wo man sich überhaupt begegnen kann. Also eine Grundinfrastruktur zu haben ist wichtig und am Ende findet aber nur statt, wo wir tatsächlich auch hingehen

Peter, du hast uns doch von dieser Umfrage erzählt, die Mia gemacht hat. Wie ist das denn ausgegangen?

Peter (21:23)

Die Geschichte kann ich noch gar nicht zu Ende erzählen, denn die Umfrage läuft noch.

Und ich vermute mal, dass Mia nicht nur unser Stadtviertel untersucht, sondern auch noch ein anderes, wenn es so weit ist, werde ich das natürlich hier in diesen Podcast reinbringen,

Stephanie (21:40)

jetzt waren wir heute viel in der Nachbarschaft unterwegs, deswegen werden wir beim nächsten Mal uns der berühmtesten Geschichte übers Helfen zuwenden oder eigentlich der Geschichte zum Thema Nächstenliebe.

Zumindest in unserem Kulturkreis, würden wir sagen. Ist das die bekannteste? Da könnt ihr alle schon mal nachdenken, welche Geschichte das sein könnte. Also, mit der werden wir uns beim nächsten Mal jedenfalls beschäftigen und freuen uns, wenn ihr wieder einschaltet. Und gleichzeitig schaffen wir hier ja auch einen Begegnungsraum. Peter und ich lernen immer was voneinander. Und wenn ihr uns zurückschreibt, dann lernen wir auch etwas von euch und begegnen euch und haben nochmal Nachbarschaft geschaffen.

Wie schön. Wir freuen uns aufs nächste Mal. Tschüss!

Peter (22:28)

Tschüss.
Und hier unsere Quellen:
Resourcen:

Die Erforschung von Stadtquartieren wird an der Technischen Universität Berlin im Fachgebiet Raumsoziologie vorangetrieben. Dort beschäftigen sich Studierende mit dem Potenzial von Nachbarschaften. https://www.tu.berlin/raumsoz/team/projektwerkstatt-nachbarschaft  

Das Dörphus (Dorfhaus) in Weitenhagen bei Greifswald: https://www.kultur-mv.de/kultur-orte/doerphus-weitenhagen.html 

In der Stadt Greifswald ist das studentische Künslerkollektiv Spunk unterwegs, um soziale Orte in der Stadt zu feiern. https://www.ardmediathek.de/video/nordmagazin/kuenstlerkollektiv-spunk-feiert-soziale-treffpunkte/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9iMjBlNDg2Yy0wODdmLTQ1ZjYtOGEwNS05MjE1MmI4MzRmODM 

Die Hochschule Neubrandenburg hat die Rolle der sozialen Orte, besonders im ländlichen Raum untersucht und Empfehlungen zur Belebung zusammengetragen: https://www.hs-nb.de/ikr/transferstelle-daseinsvorsorge-betaversion/informationen-aus-der-welt-der-daseinsvorsorge/leerseiten-thema-xy-1/ 

Eine repräsentative Online-Befragung des Amateursports zeigt die Bedeutung des Vereinssports für soziale Kontakte – und die Abhängigkeit der Verein von ehrenamtlichem Engagement: https://fanq.com/wp-content/uploads/2023/07/fanq-studie-amateursport-gesamt.pdf 

Die Genossenschaft für ein klimafreundliches Quartier und ihr Kieztreffpunkt: https://kliq-berlin.de/ 

Links & Quellen